Fronleichnam und der Heilige Gral

Heute möchte ich mich dem Thema widmen: Was hat Fronleichnam mit der Gralslegende zu tun, und was bedeutet dies für unser Leben? An Fronleichnam feiert die katholische Kirche ein Fest, das der Eucharistie gewidmet ist, in der evangelischen Kirche ist es das Abendmahl – die Verwandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Jesu Christi. Doch woher kommt dieses Fest? Innerhalb der Kirche geht es auf eine Vision der heiligen Juliana von Lüttich, einer Augustinerchorfrau, zurück. Sie sah in dieser Vision den Mond, der an einer Stelle verdunkelt war und Christus erschien ihr und sagte, dass diese verdunkelte Stelle darauf hinweisen würde, dass ein Fest für das Altarsakrament fehle – das war 1209. Danach wurde dieses Fest, das Fronleichnamsfest, eingeführt. Doch was ist eigentlich die spirituelle Bedeutung von Fronleichnam? Wie in der Gralslegende dreht sich auch das Fronleichnamsfest um den Kelch. Der Kelch, der den Wein enthält, der dann zum Blut Jesu Christi wird.

Was ist der geistige Hintergrund der Gralslegende?

Hier möchte ich ein längeres Zitat von Rudolf Steiner einfügen, in dem er den geistigen Hintergrund der Gralslegende beschreibt:

„Das war das eine: Artus. Das andere ist: die Burg des Heiligen Gral […] Gesagt wird, daß der Heilige Gral die Schale sei, in welcher einst der Christus Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl, den Wein, eingenommen habe und mit der später sein Blut aufgefaßt worden sei. Dann sei auch die Lanze nach Europa gebracht worden, mit der Jesu Seite durchbohrt worden war. Die Gralsschale befinde sich auf dem Montsalvatsch, wo eine heilige Burg aufgebaut wurde. Der Heilige Gral hat die Fähigkeit, dem, der mit seinen Wundern vertraut ist, der mit seiner Gnadensonne lebt, ewige Jugend, die Kraft des ewigen Lebens überhaupt zu erteilen.

Wiederum sind es zwölf, aber jetzt christliche, geistliche Ritter. Die alten Tempelritter bewachen den Heiligen Gral, und die Kräfte, die sie aus dieser Wache saugen, benutzten sie, um das geistige Rittertum des Herzens, des Innenlebens, über Europa zu ergießen. So stellte man der weißen Loge des weltlichen Rittertums, die man nach Wales verlegte, das geistige Rittertum in der Burg des Heiligen Gral entgegen, die auf dem spanischen Berge Montsalvatsch liegt.

Was hatten die Ritter, die in der Burg des Heiligen Gral waren, für eine Aufgabe? Nicht Eroberungen zu machen, nicht äußeren Besitz zu erringen, nicht Ländereien sich anzueignen war die Aufgabe der Ritter vom Heiligen Gral; ihre Aufgabe war, die Eroberung des Seelenlebens zu machen. Wird uns von dem Nibelungenhort erzählt, dem Gold als Sinnbild des Besitzes, als Strebensziel der Nibelungen, so ist der Heilige Gral der vergeistigte Nibelungenhort, der Schatz der Seele. Was ist die Kraft, die von dem Heiligen Gral ausgeht, in Wirklichkeit? Was arbeiten jene zwölf Ritter, die in seiner Burg vereinigt sind? Es lebt, wie oft in der theosophischen Weltanschauung betont wird, in jedem Menschen ein Funke des Göttlichen […] Diese Anlage des göttlichen Funkens mehr und mehr zu entwickeln, um den Menschen hinaufzubringen in die höheren Welten, das hatte man in der Einweihung des alten Heidentums angestrebt. Das strebt man jetzt innerhalb der christlichen Welt in einer neuen Weise an […]

Das Christentum sollte eine Einweihung bringen, die nur im tiefsten Inneren, im verhangenen Heiligtum der Seele sich abspielt. Da sollte der Gott gesucht werden, der Gott, der durch das Vergießen seines Blutes das Heil über die Christenheit gebracht hat; dieser Gott sollte von jedem einzelnen Menschen gefunden werden in der eigenen Seele […] Der Heilige Gral war nichts anderes als das tiefste Innere der menschlichen Natur, und er war ein Einheitliches, weil die innere menschliche Natur eine einheitliche ist, weil ein in der Verfolgung der Weisheit zugebrachtes Leben die Hoffnung erweckt, daß man verstehen könnte, was gemeint ist mit der großen Einheit, mit dem großen göttlichen Funken.

Sie waren da als die Brüder des Heiligen Gral. Parzival wollte den Weg finden zu dem Heiligen Gral. Nun erzählt uns die Sage, daß, als er hinkam zum Heiligen Gral, er den damaligen König Amfortas blutend fand. Es war ihm gesagt worden, nicht viel und nichts Falsches zu fragen. Daher fragte er nicht nach den Wunden des Königs und nicht nach der Bedeutung vom Gral. Deswegen wird er verstoßen. Er sollte nach den Eigenschaften des Heiligen Gral und den Wunden des Königs fragen. Das gehört zu den Erfahrungen, die im göttlichen Leben zu machen sind, daß man danach fragen muß. Er muß die Sehnsucht danach haben. Da ist er, der Heilige Gral; zu finden ist er, einem jeden wird er zuteil werden, aber er drängt sich nicht auf. Er kommt nicht zu uns, wir müssen in der Seele den Trieb fühlen nach diesem Heiligen Gral, dem inneren Heiligtum, dem göttlichen Lebensfunken in der menschlichen Seele. Wir müssen den Trieb haben, nach ihm zu fragen. Hat die menschliche Seele sich heraufgefunden zu Gott, dann steigt der Gott zu ihr herab. Das ist das Geheimnis des Grales selbst, das Herabsteigen des Gottes, der heruntersteigt, wenn sich der Mensch bis zum Göttlichen hinaufentwickelt. Das wird so dargestellt, wie es sich an die Johannestaufe des Jesus knüpft: eine Taube stieg herab und ließ sich auf dem Haupte nieder, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.» Der Heilige Gral wird in der Gestalt einer Taube sinnbildlich dargestellt.

Noch nicht reif war Parzival bei seinem ersten Besuche in der Gralsburg, um das durchzumachen, was wir eben geschildert haben. Als er sich hinausgestoßen fühlte, da kam in seine Seele etwas, was in jede Seele einmal kommen muß, wenn sie in wahrhaftem Sinne reif werden soll zu den letzten Erkenntnisstufen. Es kommt in die Parzivalseele der Zweifel, der Unglaube, die innere seelische Finsternis. Gewiß, derjenige, welcher zur Erkenntnis hinansteigen will, muß einmal die harte Schule des Zweifels durchmachen. Erst wenn man gezweifelt hat und durchgegangen ist durch die Qualen und alles das, was durch die Zweifel gebracht werden kann, erst wenn man da durchgegangen ist, hat man jene Sicherheit in seinem Inneren gewonnen, daß einem die Erkenntnis niemals wieder verlorengehen wird. Es ist ein böser Bruder, der Zweifel, aber ein reinigender, ein läuternder Bruder. Diese Zweifel macht jetzt Parzival durch, und er ringt sich zu einer Erkenntnis durch, die in etwas anderem besteht als in dem, was man gewöhnlich Verstandesoder Vernunfterkenntnis nennt. Zu einer Erkenntnis, die Richard Wagner mit einer grandiosen Richtigkeit zum Ausdruck gebracht hat, vielleicht nicht ganz philosophisch oder psychologisch richtig, aber sinngemäß, indem er Parzival den «Reinen Toren» nennt, der durch Mitleid wissend wird.“ (Lit.:GA 54, S. 438ff)

Wir alle sind Prazival und wir alle suchen den Heiligen Gral

Wenn wir nun das Zitat Rudolf Steiners heranziehen, so können wir erkennen, dass wir alle Parzival sind. Wir alle sind die tumben Toren, die sich auf den Weg machen, den heiligen Gral, die Erkenntnis, zu suchen. Und das hat ja auch etwas Tröstliches. Niemand findet diesen Gral über Nacht, sondern jeder macht sich auf seinen eigenen Weg und scheitert und findet und so weiter. Keiner wird mit dem Gral in der Hand geboren, sondern wir alle sind aufgerufen, uns auf unsere ureigenste Gralsreise zu machen.

Doch wozu suchen wir Menschen den Heiligen Gral?

Hierzu lasse ich am besten noch einmal Rudolf Steiner zu Wort kommen:

„Mit dem Ereignis auf Golgatha, als das Blut floß aus den Wunden des großen Erlösers, als das kosmische Herzensblut die Erde durchdrang und seine Kräfte sich bis in den Mittelpunkt ergossen, da wurde die Erde leuchtend, von innen heraus strahlte Licht aus in ihre Umgebung. Da wurde auch die Möglichkeit gegeben für jede menschliche Individualität, in sich selber dieses Licht zu erleben. Als die Erde der Leib des großen Sonnengeistes wurde, indem er sie mit seinen Geisteskräften durchdrang, da wurden alle Wesen auf Erden ebenso mit diesen Kräften begabt. Es war der Keim gelegt zur Wiedervereinigung von Sonne und Erde. Der physische Leib des Jesus von Nazareth war der Vermittler, durch welchen die Kräfte aus dem Kosmos sich mit der Erdenaura verbanden. Und als das Blut aus diesem Leibe floß auf Golgatha, da wurde die Erde wieder in die Sonnenkraft aufgenommen. Seitdem strahlt diese Christus-Kraft von ihrem Mittelpunkte in die Umgebung hinaus, und aus der Sonne strahlt die Christus-Kraft in die Erde hinein. Der Mensch kann diese Kraft, dieses Licht erleben in sich selber als Erdenmensch, wenn er sich erkennt als einen Teil der Erde, die als physischer Leib des Christus durchdrungen ist von seiner Wesenheit. Dann leuchtet in ihm das weiße Licht aus seinem Innern entgegen, wie es aus dem Mittelpunkt der Erde herausstrahlt.

Es kann der Mensch die Christus-Kraft und das Christus-Licht auch so erleben, wie es von außen herantretend ihn bestrahlt und durchdringt mit höherem Leben. Dann umgibt und durchdringt es ihn, wie es, aus der Sonne hineinstrahlend, die Erde durchlebt. Dann fühlt sich der Mensch im Geiste vereint mit dieser Sonnenkraft, er empfindet sich wie von seinem Herzen heraus zusammenwachsend mit dem großen kosmischen Herzen. Als ein höheres Wesen, lebend in dieser geistigen Sonne, erkennt er sein wahres Selbst, so verbunden mit ihr, wie er als Erdenmensch mit der Erde selber verbunden ist. Und wie die Sonnenkräfte die Erde durchleuchten und beleben, so durchleuchtet und durchlebt dieses höhere Wesen den Erdenmenschen mit seinen Kräften.

In dem Tempel des menschlichen Leibes befindet sich ein Heiligstes vom Heiligen. Viele Menschen leben in dem Tempel, ohne etwas davon zu wissen. Aber die, welche es ahnen, erhalten dadurch die Kraft, sich so zu läutern, daß sie in dieses Heiligste hineingehen dürfen. Da befindet sich das heilige Gefäß, welches durch Zeitepochen hindurch vorbereitet wurde, auf daß, wenn die Zeit käme, es fähig sein könne, das Christus-Blut, das Christus-Leben in sich zu enthalten. Wenn der Mensch hineingegangen ist, so hat er auch den Weg gefunden zu dem Allerheiligsten in dem großen Erdentempel. Auch da leben viele auf der Erde, ohne davon zu wissen; aber wenn der Mensch in seinem innersten Heiligtum sich gefunden hat, so wird er auch da hineintreten dürfen und finden den Heiligen Gral. Wie aus wunderbar glitzernden Kristallen geschliffen, welche Symbole und Buchstaben formen, wird sich ihm das Gefäß zunächst zeigen, bis er allmählich den heiligen Inhalt empfindet, so daß er für ihn leuchtet im goldenen Glanze. In die Mysterienstätte seines eigenen Herzens steigt ein Mensch hinein, dann geht ein göttliches Wesen aus dieser Stätte hervor und verbindet sich mit dem Gott draußen, mit dem Christus-Wesen. Es lebt in dem geistigen Lichte, welches hineinstrahlt in das Gefäß und dieses dadurch heiligt.

Weil der Mensch so lebt als zweifaches Wesen, kann er die geistige Sonnenkraft in die Erde hineingießen und ein Bindeglied sein zwischen Sonne und Erde. Wie aus dem Lebenszentrum, dem Herzen heraus, das belebende Blut fließt und sich ergießt durch den ganzen physischen Organismus bis in das Knochensystem hinein, welches man – als äußere Verfestigung und Erstarrung im Organismus – als Gegensatz auffassen kann des lebendigen, immer regsamen Herzens, so muß eine jede menschliche Individualität werden ein Kanal für das aus dem kosmischen Lebenszentrum fließende Blut, das die verfestigte Erde mit Leben durchdringt. Wie ein kosmisches Knochensystem kann die Erde gedacht werden. Sie würde ganz und gar verknöchert und vertrocknet sein, wenn nicht das kosmische Herz durch einen menschlichen Leib sein Lebensblut ausgeströmt und sie dadurch auf das neue belebt hätte.“ (Lit.:GA 265, S. 417f)

Rudolf Steiner fasst es so wunderbar zusammen – wir finden den Heiligen Gral in uns, in unserem Herzen. Und durch das Finden des Heiligen Grales in unseren Herzen sind wir in der Lage uns und die Welt zu heilen und zu einem besseren Ort zu machen. In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein wunderschönes – wahrlich durchgeistigtes Fronleichnamsfest.

Manou Gardner Medium aka Manuela Pusker

Alle Zitate: Quelle Anthrowiki

Foto: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

2 Kommentare zu „Fronleichnam und der Heilige Gral

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