Hier kommt Teil 22 von „Lindas neues Leben“. Unten habe ich Artikel zu den Rauhnächten verlinkt und heute Abend kommt ein neues Rauhnacht-Video.

„Diese erste Kiste war voller Zeichnung auf denen kurze oder längere Texte standen. Das sind nur ein paar davon“, sagte Jonas und legte den Papierstapel auf den Tisch. Linda nahm eine nach der anderen in die Hand. „Das ist ja seltsam“, murmelte sie. „Das sieht ja doch so aus, als ob Onkel Hans vorgehabt hätte, ein Kinderbuch zu gestalten.

Etwas unschlüssig hielt sie die Zeichnungen in den Händen. Es waren lauter Fabelwesen auf den Zeichnungen: Zwerge, Elfen und andere seltsame Wesenheiten. Linda nahm ein Blatt nach dem anderen in die Hand. Bei einer Zeichnung stockte sie. „Der hier sieht fast so aus, wie der Kerl gestern Abend“, sagte Linda und begann die Texte zu lesen, die bei manchen Zeichnungen standen. Es schienen konkrete Anweisungen zu sein, wie man mit bestimmten Pflanzen verfahren sollte. Das klang schon deutlich weniger nach Kinderbuch. Linda konnte sich keinen Reim darauf machen, nahm sich aber vor, die Zeichnungen morgen gleich einmal Beppo und Herta zu zeigen. Gleich in der Früh als die beiden kamen, setzte sie ihren Plan in die Tat um.

Beppo und Herta waren auch ziemlich ratlos und nahmen ein Bild nach dem anderen in die Hand. „Allerdings haben wir keine Ahnung, was er da drüben den ganzen Tag gemacht hat“, sagte Herta. „Aber ich hätte niemals das Gefühl gehabt, dass er künstlerische Ambitionen hatte“, mischte sich Simon ins Gespräch ein, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte. „Mir erschien er immer sehr einfach in seiner Art“, fügte er hinzu. „Das heißt ja nicht, dass er nicht insgeheim gemalt hat“, sagte Herta. „Was sind denn das für Zeichnungen?“, hakte Simon noch einmal ein. „Ach, irgendwelche Zeichnungen von Zwergen und Elfen und da stehen dann so kleine Texte dabei, als würde er irgendwelche Regeln aufgeschrieben haben“, erklärte Linda. Simon runzelte die Stirn. „Die würde ich gerne mal sehen“, sagte er.

Gemeinsam sichteten sie den Stapel Papier. Als die Zeichnung mit Typen vom vorigen Abend dran war, reagierte Beppo wieder etwas seltsam. „Was ist Beppo?“, fragte Linda, die die Reaktion bemerkt hatte. Beppo kratzte sich eine Weile am Kinn und wiegte den Kopf nachdenklich hin und her und sagte dann: „Ihr könnt mich jetzt für verrückt erklären, aber der sieht aus, wie der, den ich hier schon ein paar Mal gesehen habe. Ich habe mich damals auch daran erinnert, dass meine Großmutter mir von solchen Dingen erzählt hatte. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich selbst sowas mal sehen würde.“

Herta wurde immer nachdenklicher und hielt ein anderes Blatt mit einer Art Elfe in den Händen, die sich gerade an einer Blüte zu schaffen machte. „Tja, da kann ich vielleicht mithalten“, sagte sie. „Sowas habe ich schon ein paar Mal im Garten gesehen, aber es war immer in der Hitze und ich dachte, ich hätte sowas wie einen Sonnenstich und würde Dinge sehen, die es gar nicht gibt.“

„Na, da kommen ja schöne Dinge zum Vorschein“, sagte Simon. „Aber jetzt mal ehrlich, ihr glaubt das doch nicht wirklich?“, fügte er hinzu. „Tja, ich weiß nicht“, sagte Beppo. „Was ist mit dir, Linda“, fragte er. „Ich weiß es auch nicht. Mich überfordert das jetzt gerade etwas. Gerade dachte ich, jetzt würde langsam Ruhe und Normalität in unser Leben einkehren, und jetzt das…“

Nach diesen Worten Lindas hing für einen Moment jeder seinen Gedanken nach. Simon unterbrach als erstes die Stille. „Leute, ich mag und schätze euch alle. Aber als Naturwissenschaftler muss ich mich doch fragen, ob ihr da nicht einer Sinnestäuschung aufgesessen seid. Das kommt mir jetzt schon sehr seltsam vor. Was ist mit dir, Linda? Sagst du mir jetzt auch, dass du irgendwelche Fabelwesen gesehen hast?“, fragte er.

Linda schüttelte den Kopf. „Bei mir ist es ganz anders. Indem ich diese Bilder betrachte, kann ich mich plötzlich an etwas erinnern, das ich völlig vergessen hatte.“ Simon schaute sie aufmerksam an. „Und das wäre?“, fragte er neugierig. „Ich glaube, ich weiß jetzt, warum mir das hier alles so vertraut vorkommt. Ich war schon hier. Damals war ich klein, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Ich kann mich auch an dieses Haus hier erinnern. Wie lange seid ihr schon hier?“, fragte sie und schaute dabei Beppo und Herta an.

„Dieses Jahr sind es genau dreißig Jahre“, antwortete Herta. Linda überlegte. Ich bin siebenunddreißig und wenn ich damals fünf oder sechs war, könnte das doch sein. Wisst ihr, wer vor euch in diesem Haus gewohnt hat?“, fragte sie. Beppo und Herta sahen sich an. „Ja, das war ein sehr seltsamer Mann“, sagte Beppo. „Wir hatten immer ein wenig Angst vor ihm. Er war uns unheimlich“, fügte Herta hinzu.

Linda dachte scharf nach. Sie konnte sich an keinen Mann erinnern. Aber als sie vor einigen Wochen das erste Mal das Haus von Hans Breitner und dann später auch das Haus von Beppo und Herta betreten hatte, kam ihr das alles sehr vertraut vor. Daran erinnerte sie sich ganz genau. Aber sie konnte sich an keine Menschen erinnern. Nur die Häuser waren ihr vertraut. Wieder einmal bedauerte Linda von Herzen, dass ihre Eltern nicht mehr lebten. Wie einfach wäre es jetzt, wenn sie ihre Mutter anrufen und sie fragen könnte.

„Das kommt mir jetzt alles irgendwie surreal vor“, sagte Linda. Fast bereute sie, die Zeichnungen heute gesichtet zu haben. Gerade hatte ihr Leben begonnen, so beschaulich zu werden, wie sie es gewünscht hatte. Und jetzt fühlte es sich an als hätte sie die Büchse der Pandora geöffnet.

Simon fühlte sich ebenfalls sichtlich unbehaglich. In seiner Welt hatte so etwas keinen Platz. Doch er spürte sehr wohl, dass sich gerade etwas verändert hatte und dass es vermutlich kein Zurück geben würde, bevor diese Sache nicht aufgeklärt war. Er war sich auch nicht ganz sicher, ob er jetzt am Verstand seiner Eltern zweifeln sollte. Waren sie doch immer diejenigen gewesen, die mit ihrem Pragmatismus das Leben für ihn so angenehm wie möglich gemacht hatten.

Jetzt gab es eine seltsame Reihe von Wahrnehmungen, die ihm Unbehagen bereitete. Etwas hilflos kratzte er sich am Kinn. Am liebsten würde er jetzt in seine Praxis fahren, in der alles normal und gut zu verstehen war. Er mochte solche Situationen nicht. Beppo nahm die Zeichnungen wieder heraus und begann die Texte die zu lesen, die Hans Breitner offensichtlich in seiner schönsten Schönschrift dazu geschrieben hatte.

Er las einen davon vor: „Niemals sollst du meine Schützlinge vor Einbruch der Dunkelheit gießen. Sie mögen es nicht, nass zu werden, solange die Sonne ihre Blätter und Blüten berührt. Gieße sie erst, wenn die Dämmerung eintritt. Nur so können sie ihre Wirkstoffe entfalten. Nicht umsonst heißt diese Gattung Nachtschattengewächs.“ Daneben war eine Zeichnung mit einer ihm unbekannten Pflanze und einer Art Elfe dabei. „Kennst du diese Pflanze?“, fragte er Herta und schob ihr das Blatt hinüber.

Herta schaute sich die Zeichnung eine Zeit lang an. „Ja, ich glaube, das ist ein Stechapfel“, sagte sie. „Aber ich bin mir nicht sicher.“ Linda schaute die Pflanze an und griff zum Smartphone und gab den Begriff „Stechapfel“ in die Suchmaschine ein. Sofort kamen eine Menge Bilder, die der Pflanze durchaus ähnelten, die Hans Breitner gezeichnet hatte. „Ja, das ist ein Stechapfel“, sagte Linda und dachte nach, wo im Garten er sich befinden könnte.

Sie hatten bisher nur die Beete vor dem Haus in Ordnung gebracht. Im großen Garten hinter dem Haus hatte sie noch nicht einmal richtig angefangen. Sie nahmen nun ein Blatt nach dem anderen aus dem Karton. Immer war eine Pflanze aufgezeichnet und so ein Fabelwesen dazu und es standen ein paar Sätze, die sich auf die Pflege der Pflanze bezogen, dabei.

Wenn nicht Beppo und auch Herta gerade zugegeben hätten, dass sie solche Dinge auch schon gesehen hätten, wäre es jetzt ganz einfach, es damit abzutun, dass Hans Breitner wohl eine blühende Phantasie gehabt hatte und sich die Einsamkeit mit dem Zeichnen und Erfinden von Dingen vertrieben hätte und die Kinder gestern einer Halluzination aufgesessen waren.


Hier ist ein Artikel zur vierten, also der kommenden, Rauhnacht der 13 heiligen Nächte: 4. der 13 heiligen Nächte

Heute Abend geht es auf Youtube weiter. Hier geht`s zum Kanal: Manou Gardner auf Youtube

Ich wünsche Euch einen wunderschönen Dienstag

Manou Gardner Medium aka Manuela Pusker

2 Kommentare zu „Lindas neues Leben 22

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