Die Erdenreise Teil 2 – die beiden Engel reisen das erste Mal zu den Menschen

Hier ist das Video, falls jemand keine Lust zu lesen hat: https://youtu.be/LFdY9dYSPnY

Am nächsten Morgen waren Luisahim und Theorahel schon sehr früh fertig, um ihre Mission anzutreten. Es war ja der insgeheime Wunsch aller Engel, eine Zeit lang auf die Erde zu den Menschen gehen zu dürfen und nun waren sie dran. Sie hatten keine Ahnung, was sie dort erwarten würde und waren entsprechend aufgeregt. Es dauerte nicht lange, dann kam Gabriel, der große Erzengel, der für die Weihnachtszeit zuständig war, zu ihnen und gab ihnen die letzten Anweisungen. „Wir überlassen es dem Höchsten, wohin er euch täglich schicken wird. Macht euch keine Gedanken. Ihr werdet jede Sprache der Menschen verstehen, genauso wie es hier auch ist. Aber ihr müsst euch fortbewegen wie die Menschen und essen und trinken wie die Menschen. Für die zwölf Stunden, in denen ihr täglich auf der Erde weilt, seid ihr auch ebenso verletzlich wie Menschen. Ihr könnt eure Mission nur ausführen, wenn ihr tatsächlich Menschen seid. Aber ihr habt euer Engel-Vertrauen und unseren Schutz, wie ihn die Menschen auch haben. Doch ihr dürft nicht leichtsinnig sein, sonst können wir euch nicht helfen.“ Luisahim sah Theorahel an. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie waren also nicht Engel, die sich unter die Menschen mischen durften, sondern sie mussten für die Erdenzeiten tatsächlich zu Menschen werden. Luisahim und Theorahel bekamen ein wenig Angst. Schließlich wussten sie, dass das Leben der Menschen oft nicht einfach war. Aber sie nickten beide tapfer. „So, ab nun seid ihr Luisa und Theo und die Reise geht sofort los. Schließt die Augen, ich sende euch nun auf die Erde“, sagte Gabriel und Luisa und Theo, wie sie nun hießen, taten was er ihnen sagte und spürten, wie sie in einen Wirbel hineingezogen wurden. Als der Wirbel sich beruhigte, bemerkten sie das erste Mal in ihrem Leben Kälte an ihrem Körper und öffneten vorsichtig die Augen.

Alles war ein wenig düster und grau. Luisa rieb sich die Arme und Theo tat es ihr nach. Der Himmel war bedeckt und es fiel weißes, kaltes Zeug auf ihren Körper. Rund um sie herum standen große Bauwerke und sie drehten sich mehrfach im Kreis. Das eine Bauwerk erkannten sie, das war der Stephansdom. Sie waren also in Wien angekommen. Sie kannten Wien nur aus der Sicht der Engel und da hatte es immer ein wenig freundlicher gewirkt. Sie hatten zunächst keine Ahnung, was sie nun tun sollten, daher begannen sie einfach, ein wenig herumzugehen. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, die Läden und Kaffeehäuser waren geschlossen und die ganze Stadt wirkte etwas ausgestorben. Obwohl ihnen Gabriel einen Mantel mitgegeben hatte, froren sie. Sie hatten in ihrem Leben noch nie Kälte erlebt. Ein paar Menschen schlenderten durch die ausgestorbenen Straßen, beachteten sie aber nicht. „Wohin sollen wir gehen?“, fragte Luisa und sah Theo dabei an, der mit seinem Mantel nun völlig verändert wirkte. Sie fühlten sich schutzlos und unsicher. Theo zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Bisher konnten wir einfach hinhören, was die Menschen sagten oder dachten, aber nun sind wir wie sie und ich fühle mich gerade sehr ratlos“, sagte Theo. Dann erblickten sie in einem Hauseingang einen Mann. Er saß auf einem Karton und hielt ein Schild in seinen Händen. Luisa ging etwas näher um das Schild zu lesen: „Obdachlos und hungrig“ stand auf dem Schild. Luisa fühlte sich sofort zu diesem Mann hingezogen. Sie schnappte Theos Arm und zog ihn mit sich. Als sie bei dem Mann angekommen waren fragte Luisa: „Wie können wir ihnen helfen? Wir sind hier um den Menschen zu helfen, aber wir wissen nicht so recht, wo wir anfangen sollen.“ Theo rempelte sie ein wenig an. Sie sollten doch nicht verraten, in welcher Mission sie hier waren. Doch der Mann nahm sie sowieso nicht ernst. Er lachte rau auf. „Wenn ihr mir helfen wollt, gebt mir etwas zu essen, denn ich bin hungrig und habe seit gestern Morgen nichts mehr gegessen. Es ist egal wo man sitzt, es kommt kaum jemand vorbei.“ Luisa schaute sich um. Sie sah in einiger Entfernung eine Bäckerei. Dort würde sie etwas zu essen holen. „Ist gut. Ich bin gleich zurück“, sagte sie und deutete zu Theo, dass er hier auf sie warten sollte. Sie lief rasch zu der Bäckerei und fühlte sich wohl, weil es da drinnen so warm war. „Ich hätte gerne von diesem drei“, sagte sie und deutete auf die Briochebrötchen. „Und dann hätte ich noch gerne drei von diesen hier“, sagte sie noch, während sie auf die Laugenbrezeln deutete. Die Verkäuferin sah sie streng an, packte aber die gewünschten Dinge ein. „Das macht zehn Euro achtzig“, sagte sie, während sie die Waren über die Theke reichte. Luisa schaute erschrocken. „Aber ich habe gar kein Geld“, sagte sie mehr zu sich selbst. Die Verkäuferin hielt in der Bewegung inne. Ihr Blick wurde noch etwas düsterer. „Wie? Du hast kein Geld? Dann kannst Du auch nichts kaufen.“ Mit diesen Worten zog sie ihren ausgestreckten Arm wieder zurück und nahm das Gebäck wieder an sich. Luisa schluckte. Darauf war sie nicht vorbereitet. „Aber wir haben Hunger und da vorne sitzt ein Mann. Der hat auch Hunger“, sagte sie und sah die Verkäuferin bittend an. „Das ist jetzt aber nicht mein Problem. Ich bin nicht hier um die Ware zu verschenken, sondern um sie zu verkaufen.“ Mit diesen Worten schüttete sie die Brezeln wieder in die Auslage. Luisa stand noch eine Weile unschlüssig herum und überlegte, was sie nun tun sollte. Aber es wollte ihr einfach nichts einfallen. „Schleich dich!“ sagte die Verkäuferin nun in einem etwas barscheren Tonfall und machte eine Bewegung als würde sie eine Mücke verjagen. Luisa ließ den Kopf hängen und ging zur Tür. Langsam trat sie wieder auf die Straße und ging mit gesenktem Kopf zu Theo und dem Mann zurück. „Und, waren sie ausverkauft?“, fragte der Mann, als er sah, dass Luisa mit leeren Händen zurück kam. „Nein, ich hatte kein Geld“, sagte Luisa und Theo fragte sofort: „Und da haben sie dir nichts gegeben?“ Luisa schüttelte den Kopf und sie spürte, dass Tropfen aus ihren Augen fielen. So musste es sein, wenn Menschen weinen. Eine kalte Hand umklammerte ihr Herz. Der Obdachlose sah sie misstrauisch an. „Was seid ihr denn für komische Typen? Hast du ernsthaft gedacht, dass du eine Bäckerei spazieren und ohne Geld etwas zu essen schnorren kannst? Wo kommt ihr denn her? Seid ihr vom Himmel gefallen?“ Luisa erschrak. Hatte er sie womöglich durchschaut? Sie sagte nichts darauf, denn lügen konnte sie ja nicht. Der Mann rückte ein wenig zur Seite und winkte Luisa und Theo zu sich. „Setzt euch mal hierher und sagt mir, was mit euch beiden los ist. Wieso seid ihr denn nicht in der Schule?“ Luisa zog Theo neben sich auf den Boden, damit sie beide auf dem Karton sitzen konnten. „Tut mir leid, das können wir nicht sagen“, sagte Theo, noch bevor Luisa antworten konnte. „Okay, verstehe. Ihr seid irgendwo ausgerissen“, sagte der Obdachlose. „Ihr werdet schon eure Gründe gehabt haben. Und jetzt, was macht ihr jetzt?“, fragte er. Luisa und Theo zuckten mit den Schultern. Das war ja verrückt. Er dachte nun, sie wären von zuhause abgehauen. Aber sie hatten nicht die Möglichkeit, das richtig zu stellen. „Okay, dann werden wir jetzt eben zusammen hier betteln. Vielleicht bekommen wir ein bisschen mehr, da ihr noch nicht so zerlumpt ausseht, wie ich es tue. Ich heiße übrigens Martin“, sagte der Obdachlose und streckte zuerst Luisa und dann Theo die Hand hin. Beide schüttelten erfreut seine Hand. „Ich heiße Theo und das ist Luisa“, sagte Theo. Martin lächelte und entblößte dabei eine riesige Zahnlücke. Alle Schneidezähne schienen zu fehlen. „Was ist mit deinen Zähnen passiert?“, fragte Luisa und biss sich gleich darauf auf die Lippen. Vielleicht hätte sie das besser nicht fragen sollen. Doch Martin nahm es gelassen. „Die hat mir irgendein Idiot im Vorbeigehen ausgetreten“, sagte er. Luisa hielt die Luft an. „Ein anderer Mensch hat dich im Vorbeigehen getreten?“ Martin nickte und sah Luisa wieder so seltsam an. „Ja, solche Dinge machen die Menschen manchmal“, sagte er langsam. „Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass ihr beiden etwas sonderbar seid?“, murmelte er mehr zu sich. Luisa sah Theo von der Seite an. Nur zu gerne hätte sie Martin erzählt, wer sie waren und was sie hier taten, aber das durften sie ja nicht.  In diesem Moment kam eine Frau vorbei und Martin richtetet sich ein wenig auf und hielt das Schild in die Höhe. Die Frau schaute von ihm zu Luisa und Theo und wandte sich wieder ab. Aber sie gab ihnen nichts. Martin lehnte sich wieder zurück. „Warum hat uns die Frau nichts gegeben?“, fragte Theo. Martin lächelte. Weil die meisten Menschen nichts geben. Nur ab und zu kommt jemand vorbei, der etwas gibt. „Aber die Frau sah aus, als ob sie viel Geld hätte“, sagte Luisa nachdenklich. „Das mag sein, aber meistens geben die Menschen etwas, die gar nicht so viel haben. Die können es sich vielleicht besser vorstellen, wie es ist, wenn man gar nichts hat“, sagte Martin. Er schien das gewohnt zu sein. Doch Luisa grübelte immer noch darüber nach, wie es sein konnte, dass ein Mensch, der viel hatte, an einem anderen Menschen, der nichts hatte, vorbeiging, ohne ihm etwas zu schenken. Das konnte sie nicht verstehen. Es kamen in den nächsten Stunden noch einige Menschen vorbei. Martin setzte sich jedes Mal auf und hielt das Schild in die Höhe. Zwei junge Männer griffen sogar in ihre Hosentaschen und warfen ein paar Münzen in die Büchse, die Martin vor sich stehen hatte, ohne die drei mit einem Blick zu würdigen. „Ja, das ist manchmal noch schlimmer, als nichts zu bekommen“, sagte Martin nachdenklich. „Was meinst du damit?“, fragte Luisa. „Ich meine, so unsichtbar und wertlos zu sein, dass die Menschen einen nicht einmal anschauen“, sagte Martin und Luisa spürte, dass nun er traurig wurde. Sie tätschelte seinen Arm. Langsam wurde es dämmrig. Martin hatte ihnen mittlerweile seine Lebensgeschichte erzählt. Sie hörten, dass er einmal ein gefragter Redner gewesen war und dass er eines Tages vor dem Ruin stand und keine andere Möglichkeit mehr sah, als auf der Straße zu leben. Sie erfuhren auch, dass er lange geglaubt hatte, dass er eines Tages wieder den Weg zurück in ein normales Leben finden würde, dass sich seine Hoffnungen nun aber zerschlagen hatten. Nun saß er hier und überlebt einfach einen Tag nach dem anderen. Luisa und Theo wurde dabei das Herz ganz schwer. Wie schwer musste seines erst sein? Sie saßen nun schon seit Stunden in diesem Hauseingang und Luisa und Theo waren komplett durchgefroren. „Ich fürchte, wir müssen bald gehen. Aber wir kommen morgen wieder“, sagte Luisa zu Martin. Dieser schaute sie fragend an. „Wo geht ihr denn hin? Passt auf euch auf. Es ist gefährlich auf der Straße. Ihr beiden seid viel zu zart für dieses Leben. Geht lieber wieder nach Hause.“ „Ja, das machen wir“, sagte Luisa und war froh, nun endlich die Wahrheit sagen zu können. Martin zählte das Geld. „Wollt ihr noch etwas essen? Ihr müsst auch schrecklichen Hunger haben. Wir haben drei Euro achtundvierzig. Ich kann uns ein Brot kaufen gehen.“ Luisa und Theo bedankten sich und schüttelten den Kopf. „Danke, aber wir brauchen jetzt nichts. Kauf dir lieber selbst etwas. Wir sehen uns morgen wieder“, sagte Theo. Sie standen auf und winkten Martin noch einmal zu. „Ich fürchte, wir haben heute nicht besonders viel erreicht“, sagte Luisa zu Theo als sie wieder zu dem Platz gingen, von dem sie zurückgeholt werden würden. Beide gingen schweigend nebeneinander her. Sie hatten so großen Hunger, wussten aber, dass sie, wenn sie zurück in der Engelwelt waren, dieses Gefühl nicht mehr haben würden. Kaum waren sie an dem vereinbarten Treffpunkt angekommen, entstand auch sogleich wieder der Wirbel und kurz darauf standen sie vor Gabriel. „Na, da seid ihr ja wieder. Wir haben schon auf euch gewartet. Er führte sie in den großen Sitzungssaal, wo schon alle genauso saßen und standen wie am gestrigen Abend. Bedrückt standen die beiden in der Tür. „Ich fürchte, wir haben heute schrecklich versagt…“, begann Luisa ihre Rede, doch der Höchste schickte sofort einen Schwall Liebe in ihre Richtung. „Nein, ihr habt nicht versagt. Ihr habt erlebt, wie schwer es ist, ein Mensch zu sein und wir werden uns heute überlegen, was wir euch für morgen mitgeben werden, damit ihr mehr Möglichkeiten habt, zu handeln. Jetzt ruht euch erst einmal aus. In weniger als zwölf Stunden geht’s schon wieder los“, sagte der Höchste. Luisa und Theo merkten erst jetzt, wie müde sie geworden waren. Der Hunger und die Kälte hatten ihnen sehr zugesetzt und nun wollten sie nur noch schlafen. „Wir möchten gerne morgen wieder zu Martin und ihm helfen“, sagte Luisa noch und der Höchste nickte. „Ja, wir werden jetzt darüber beraten und sagen euch morgen Bescheid“, sagte er. Schlaft gut und ruht euch aus für euer nächstes Abenteuer.

Ich wünsche Euch allen eine wunderschöne gute Nacht und verbleibe bis morgen Früh

Eure

Manou Gardner aka Manuela Pusker

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