Allerdings habe ich noch eine Menge zu tun bis dahin. Das Team des Kollegen ist ebenfalls schon sehr betagt und die meisten haben gleich gesagt, dass sie dann auch lieber aufhören möchten, sodass ich jetzt auf der Suche nach einem neuen Team bin.

Und ich werde gleich mit der Tür ins Haus fallen: Meine Eltern haben mir schon so viel von ihnen vorgeschwärmt und erwähnten dabei, dass sie vor Kurzem ihren Job verloren haben und hatten die Idee, ob sie nicht bei mir arbeiten wollten.“

Simon kratzte sich ein wenig verlegen an den leicht ergrauten Schläfen. „Ich weiß, das ist jetzt etwas schnell, aber sie können es sich ja noch überlegen“, fügte er hinzu. „Ich bin sonst nicht so ein Draufgänger. Aber ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles jetzt schaffen soll.“

„Grundsätzlich ist das natürlich ein tolles Angebot, auch wenn es jetzt sehr überraschend kommt. Aber in der letzten Zeit geht alles rasend schnell und ich wundere mich schon gar nicht mehr über das Tempo der Entwicklung. Ich sehe nur ein sehr großes Problem. Ich habe davon nicht die geringste Ahnung. Glauben sie nicht, dass sie da Jemanden finden könnten, der geeigneter ist als ich?“, fragte Linda.

„Empfangssekretärinnen für Radiologen sind nicht sehr dicht gesät. Deshalb ist es normal, dass man eine Einarbeitungszeit einkalkulieren muss. Mir geht es in erster Linie darum, dass ich ein freundliches Team habe, das die Patienten gut betreut. Das ist in der Radiologie noch wichtiger als in anderen Fachrichtungen, weil viele der Patienten gar nicht mit dem Arzt in Berührung kommen. Der Kontakt findet für viele Patienten nur über die Mitarbeiterinnen statt.

Und da meine Eltern von ihnen so begeistert sind, habe ich gedacht, ich frage sie mal“, sagte er. „Aber fühlen sie sich bitte nicht gedrängt.“ Linda dachte nach. Ein neuer Job wäre natürlich sehr reizvoll, sie war schon gerne unter Menschen und kurz hatte sie auch schon darüber nachgedacht, womit sie in der nächsten Zeit ihr Geld verdienen würde. Der Wunsch Schriftstellerin zu sein, war groß, aber selbst wenn sie gleich beginnen würde zu schreiben, würde sie sicher noch lange nicht davon leben können. „Es klingt wirklich sehr interessant. Darf ich eine Nacht darüber schlafen?“, fragte sie.

„Selbstverständlich“, sagte Simon. „Ich werde die nächste Zeit bei meinen Eltern wohnen, weil ich mich um die Praxis kümmern muss. Wenn sie wollen, könnte ich sie morgen mit in die Praxis nehmen und sie könnten sich vor Ort ein Urteil bilden.“ Linda nickte. „Ja, das ist großartig. Ich freue mich darauf.“

„Linda, bleibst du zum Abendessen?“, fragte Herta. „Ich weiß nicht, ich habe drüben schon was vorbereitet“, sagte Linda. „Aber ich könnte es holen“, fügte sie hinzu. „Das ist eine glänzende Idee“, sagte Simon. „Darf ich sie begleiten und helfen?“, fragte er. Linda nickte. „Ja gerne. Aber ich muss noch rasch nach den Hühnern schauen und die Stalltür schließen. „Das können wir doch machen und wir holen auch gleich noch die Eier raus“, sagte Klara schnell. „Okay“, sagte Linda.

„Übrigens, habe ich schon jemanden, der dir die Eier abnimmt“, sagte Beppo. „Die Nudelfabrik im Nachbarort würde sie verwenden können.“ „Oh das ist ja super. Ab wann kann ich die beliefern?“, fragte Linda. „Ab sofort.“ „Danke! Das ist perfekt!“ sagte Linda erfreut. „Was würde ich nur ohne euch tun“, sagte sie. Beppo und Herta lachten herzlich. „Und dann habt ihr auch noch so einen gutaussehenden Sohn“, fügte Linda in Gedanken hinzu.

Beppo und Herta hatten sich wahrlich als echten Glücksgriff erwiesen. Georg würde staunen, wenn sie schon wieder einen neuen Job hatte. Hatte er ihr doch all die Jahre eingeredet, dass sie keinen bekommen würde, wenn er sich nicht darum kümmerte. Aber so unverzichtbar schien er nicht zu sein. Beschwingt ging sie mit Simon über die Felder hinüber zu ihrem Haus. „Ich finde es toll, dass sie hier herausgezogen sind“, sagte Simon. „Meine Eltern sind so glücklich wie schon lange nicht mehr“, fügte er hinzu.

Linda lachte auf. „Das ist erstaunlich, denn seit sie mich kennen, kommen sie aus der Arbeit nicht mehr raus“, sagte sie. „Aber das ist ja genau das, was sie so fröhlich macht. Sie werden gebraucht und sie mögen sie und ihre Kinder richtig gern. Meine Eltern haben ihr Leben lang viel gearbeitet und der Ruhestand tut ihnen gar nicht gut. Vater bestellt zwar noch ein paar Felder, aber das ist auch kein tagesfüllendes Programm. Ich hatte oft so ein schlechtes Gewissen, dass ich so weit weg bin und mich so wenig um sie kümmere. Sie waren immer wunderbare Eltern. Und selbst wenn ich die Praxis hier in Heidetal eröffne und mir eine Wohnung in Heidetal nehme, werde ich nicht unendlich viel Zeit haben. Ich bin ja auch ein Anfänger, was eine eigene Praxis angeht. Bisher habe ich nur in der Klinik gearbeitet und ab und zu Vertretungen bei niedergelassenen Kollegen gemacht. Ich muss mir auch ganz viel aneignen. Daher ist es fein, dass ich weiß, dass meine Eltern auch noch sie und ihre Kinder als Ansprache haben.“

Linda nickte. „Für mich ist es auch schön. Ich habe meine
Eltern vor ein paar Jahren durch einen Unfall verloren und trauere auch heute noch um sie. Auch sie waren wunderbare Eltern und haben in meinem Leben eine riesige Lücke hinterlassen. Seit sie tot sind, hatten mein Mann und seine Eltern irgendwie das Kommando über mein Leben übernommen, und ich kam einfach aus der Sache nicht mehr raus. Vor wenigen Tagen war ich noch in einem Job, den ich gehasst habe und in einer Ehe, die mir wie ein Gefängnis erschien und habe keinen Ausweg gesehen. Und plötzlich kam der Brief des Notars und ab da ging alles so schnell, dass ich es noch gar nicht richtig verstanden habe. Und es scheint so weiterzugehen. Ich habe heute mal kurz darüber nachgedacht, womit ich in Zukunft mein Geld verdienen werde, und schon habe ich ein Jobangebot. Das ist unglaublich!“, sagte sie und schaute Simon dabei von der Seite an.

Er war ein sehr attraktiver Mann und Linda fragte sich kurz, ob er wohl vergeben war. Aber sofort schalt sie sich dieser Gedanken. Er war vielleicht ihr zukünftiger Chef, sie sollte das Berufliche vom Privaten trennen.

Klara und Jonas waren voraus gerannt und hatten bereits die Eier in einer Wanne gesammelt und die Tür zum Hühnerstall geschlossen. Linda bat Simon ins Haus. „Es ist noch nicht ganz so, wie ich es gerne hätte, aber wir haben es schon recht gemütlich hier“, sagte sie.

Simon sah sich um. „Es wirkt aber schon sehr heimelig. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich hier wohlfühlen.“ Linda schaute ihn an und sagte: „Ja, und es ist meines. Keiner schreibt mir mehr irgendwas vor und ich kann hier schalten und walten wie ich will. Das ist so eine große Befreiung. Meine Tage waren über viele Jahre so getaktet, dass ich immer in Eile war, weil Georg so viele Ansprüche hatte. Hier ist jetzt alles so frei. Wie jetzt zum Beispiel. Ich nehme einfach das Abendessen mit zu euch hinüber und dann essen wir gemeinsam. Einfach so! Ganz spontan!

Dabei wird mir bewusst, dass es in all den vergangenen Jahren keinerlei Spontanität gegeben hat. Georg war ein strenger Verfechter von Struktur und Ordnung und alle Ausnahmen waren für ihn Grund, seine schlechte Laune zu verbreiten“, Linda seufzte. „Aber das ist ja jetzt vorbei und ich kann mein Leben so gestalten, wie ich möchte. Das ist genial“, sagte sie.

Simon hatte ihr aufmerksam zugehört. „Darf ich ihnen eine Frage dazu stellen, Linda?“, fragte er sie. Linda lächelte und schaute ihn aufmunternd an. Sie konnte sich schon denken, welche Frage jetzt kam. „Warum haben sie das alles so lange mitgemacht?“, frage Simon. „Ich wusste, dass sie das fragen werden und um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich habe selbst immer schon wieder darüber nachgedacht. Ich hatte alles Selbstvertrauen verloren. Georg und auch seine Eltern haben es geschafft, mir einzureden, dass ich ohne sie nicht lebensfähig bin. Und ich habe es einfach geglaubt.


Tja, das geht ja flott. Fast könnte man glauben, dass jetzt alles wie geschmiert läuft. Aber das Leben spielt oft anders als man denkt….

Übrigens gibt es heute Abend wieder ein Video aus der Serie „Spirit Talk“. Heute geht es um die Wintersonnwende, Portaltag, Neumond und die Vorbereitung für die Rauhnächte.

Vielleicht mögt Ihr reinschauen. Hier gehts zum Youtube Kanal: Manous Youtube Kanal

Ich wünsche Euch einen wunderschönen Dienstag

Ganz liebe Grüße

Manou

2 Kommentare zu „Lindas neues Leben 15

  1. Es geht nicht wie geschmiert weiter?
    Bestimmt trägt ihr Mann etwas dazu bei. Ihr Leben hat sich rasant verändert. Es scheint, als wäre sie auf der Überholspur.
    Ich bin gespannt, wie es mit Simon weitergeht 🤩

    Wünsche dir einen angenehmen Tag❤️

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