Nachdem sie alle drei geduscht waren, zogen sich alle für eine Weile in ihre Zimmer zurück. Jeder von ihnen brauchte Zeit um in Ruhe über die letzten Tage nachzudenken. Linda hatte sich ein Notizbuch gekauft und begann es als Tagebuch zu nutzen. Sie musste alles aufschreiben, sonst würde sie es vielleicht eines Tages vergessen.

Kurz öffnete sich ihre Zimmertür. „Ich gehe ins Bett, Klara schläft schon“, sagte Jonas leise und warf Linda einen Handkuss zu. Linda lächelte ihn an und sagte: „Schlaf gut. Morgen werden wir mal richtig faulenzen. Wir haben viel geschafft.“ Jonas nickte. „Das kannst du wirklich laut sagen. Das hätten wir uns vor ein paar Tagen nicht einmal vorstellen können, was wir bis jetzt auf die Beine gestellt haben. Aber jetzt bin ich einfach nur noch müde.“

Leise schloss sich die Tür und Linda setzte sich im Bett auf. Das Schlafzimmer war zwar immer noch fremd, aber durch die jetzt heimelige Beleuchtung machte es sich ganz gut. Das Fenster war offen und die laue Nachtluft brachte wunderbare Gerüche mit sich, wie sie es nur in der freien Natur gab. Linda bemerkte erst jetzt, dass sie in den letzten zwei Tagen nicht ein einziges Mal an den Job gedacht hatte, den sie verloren hatte. Da waren weder Bedauern noch Wehmut.

Genauso wenig, wenn sie an Georg oder ihr elegantes Haus am Stadtrand dachte. Sie hatte das Gefühl, plötzlich in ihr wahres Leben katapultiert worden zu sein. Verrückt! Sie schaute zur Uhr. Es war erst 22.00 Uhr. Sie konnte also ruhig nochmal in die Küche gehen und sich einen Tee kochen. Sie musste nachdenken. Auch darüber, womit sie in weiterer Sicht ihr Geld verdienen würde. Georg würde für die Kinder bezahlen müssen, und sie wollte, dass er ihr das Geld, das sie damals geerbt hatte, wieder zurückbezahlte. Den Rest sollte er behalten.

Sie legte keinen Wert auf sein Geld, genauso wenig wie auf seine Anwesenheit. Aber sie würde trotzdem arbeiten müssen und sie wollte auch etwas arbeiten. Sie hatte ja immer schon den Traum, dass sie gerne schreiben würde. Aber sie hatte keine Ahnung, ob sie dazu Talent hatte. Aber alleine der Gedanke, dass sie von zu Hause arbeiten konnte, gefiel ihr sehr gut. Sie könnte eine Zeit des Rückzugs gut gebrauchen.

Sie musste erst in die neue Situation hineinwachsen und auch ein wenig ihre Wunden lecken, die Georg ihr geschlagen hatte. Sie hatte zwar bemerkt, wie schnell sie über sich hinauswachsen konnte, wenn es unbedingt sein musste, aber bis sie wieder die selbstbewusste Linda von früher war, würde Zeit vergehen. Vermutlich gab es diese Linda von früher auch gar nicht mehr. Sie war älter geworden. Wahrscheinlich musste sie sich ganz neu erfinden und dazu brauchte sie Zeit. Die letzten 15 Jahre waren schwer gewesen.

Gedankenverloren rührte Linda in ihrem Tee und sah sich in der Küche um. Obwohl es eigentlich eine fremde Küche war, fühlte sie sich darin richtig wohl. Alles strahlte Bescheidenheit und Solidität aus. Alles war, was es war. Wenn es aussah wie Holz, war es auch Holz. Keine Kunststoffoberflächen, keine Furniere, kein Plastik. Alles war echt und real. Das hatte wirklich einen ganz eigenen Charme. Auch die Gegenstände, die sie heute gekauft hatten, waren alle im Retro-Design und passend zu dem schlichten Ambiente. Linda stellte sich innerlich bereits auf ein sehr beschauliches Dasein ein.

Am Sonntagmorgen hatten Linda und die Kinder endlich genügend Zeit und auch alle Zutaten für ein wunderschönes Sonntagsfrühstück. Gemütlich saßen sie bei offener Gartentür in der Küche und genossen den ersten Sonntag auf dem Land. Für den heutigen Tag war nichts geplant, denn sie wollten sich endlich richtig ausruhen und in ihrem neuen Zuhause ankommen. Aber kaum hatten sie den Frühstückstisch abgeräumt, hörten sie draußen Beppos aufgeregtes Rufen. „Linda! Jonas! Klara! Kommt schnell! Wir müssen alle rüber zu Bauer Alfred! Der Hühnerstall brennt!“

Rasch sprangen Linda und die Kinder in die nächstbesten Klamotten. Sie hatten in den letzten Tagen so viel Hilfe erfahren, da stand es nicht zur Debatte, sofort zu helfen. Beppo sprang in Lindas Auto auf den Beifahrersitz und die Kinder auf den Rücksitz und so rasten sie rasch Richtung Hauptstraße, wo auch bereits mehrere Feuerwehreinsatzfahrzeuge an ihnen vorbei rasten. Nach wenigen Minuten erreichten sie das Gelände von Bauer Alfred.

Was Beppo als Hühnerstall bezeichnet hatte, war eine riesige Legebatterie, wie Linda sie nur aus dem Fernsehen kannte. Auf der einen Seite schlugen bereits die Flammen aus dem Gebäude. Die andere Seite schien noch nicht zu brennen. Sie rannten sofort hin und halfen ganze Käfige mit Hühnern ins Freie zu tragen. Viele der Hühner in den Käfigen waren bereits tot oder ohnmächtig. Es war keine Zeit zu schauen, sie mussten so viele retten, wie sie nur konnten. Während die Feuerwehren das Gelände sicherten, rannten die vielen Helfer immer wieder hinein und hinaus und brachten die Tiere ins Freie. Aber schon bald befahl die Feuerwehr, dass niemand mehr ins Gebäude durfte. Die Flammen loderten jetzt noch viel höher und hatten bereits auf andere Gebäudeteile übergegriffen. Es bestand Einsturzgefahr.

Viele tausend Hühner waren noch drinnen gefangen. Jonas versuchte noch einmal in den Stall zu gelangen, aber ein Feuerwehrmann zog ihn wütend zurück. Linda schlug die Hände vors Gesicht. Das durfte nicht wahr sein! Da drinnen waren lebende Tiere und sie durften nicht mehr hinein! „Was können wir jetzt tun? Wir müssen die Tiere doch retten!“, schrie Linda und zerrte an Beppos Ärmel. „Leider können wir nichts mehr tun. Die anderen, die wir rausgebracht haben, werden jetzt zumindest schonender getötet.“ Linda starrte Beppo an. „Was?! Die werden getötet?“, schrie sie entsetzt. „Vermutlich. Alfred hat ja keinen Stall mehr“, sagte Beppo und zuckte mit den Schultern. „Was soll er sonst mit ihnen machen?“

Linda ging hinüber. Eine ganze Menge Käfige mit Hühnern standen auf der Wiese. Manche Tiere lagen reglos, andere gaben leise Laute von sich. Die Hühner sahen Mitleid erregend aus. Viele hatten fast keine Federn mehr. Andere hatten blutige Stellen am ganzen Körper. Linda bemitleidete die geschundenen Kreaturen von Herzen. Aber noch mehr Entsetzen machte sich in ihr breit, wenn sie daran dachte, dass jetzt, in diesem Moment, da drinnen weitere tausende Hühner bei lebendigem Leib verbrannten. Das war wohl die dunkle Seite des Landlebens. Nirgendwo waren solche Bilder auf Eierschachteln gedruckt. Überall waren glückliche Hühner auf Wiesen abgebildet.

Dass die armen Tiere in Gitterkäfigen ihr trostloses Dasein fristeten, war ihr bisher auch nicht bewusst gewesen. „Können wir die Hühner zu mir hinüberschaffen? In der hinteren Scheune ist eine Menge Stroh und ich kann ihnen den Stall herrichten, der leer steht und ihn mit Stroh ausstreuen, bis ich morgen oder am Dienstag jemanden gefunden habe, der einen Teil der Wiese für sie einzäunt. „Mädchen, du gehst aber ran!“, sagte Beppo kopfschüttelnd. Aber Linda sah auch einen Hauch Bewunderung in seinen Augen. „Ich rede mit Alfred. Ich denke mal, er ist froh, wenn er die heute nicht noch alle erschlagen muss.“

Kurze Zeit später kam er zurück. „Du kannst sie haben, wenn du sie alle mitnimmst und ihm die Käfige irgendwann zurückbringst.“ Linda nickte. „Dann stellt sich nur noch die Frage, wie wir das bewerkstelligen?“ Beppo überlegte einen Moment. „Wenn wir schnell sind, kann ich mit dem Traktor und dem Wagen kommen, bevor hier noch mehr Feuerwehren eintreffen. Die Kinder sollen bei den Hühnern bleiben und wir fahren rasch zu mir und holen den Traktor.“ Linda sagte den Kindern Bescheid und gemeinsam mit Beppo rasten sie zu seinem Hof und kamen sehr schnell mit Traktor und Wagen zurück.

Die Kinder, Linda und Beppo luden die Hühner auf. „Hier können wir sowieso nichts mehr tun. Wir fahren zu dir und streuen den Stall aus.“ Die Kinder setzten sich zu den Hühnern auf den Wagen und als sie gerade aus der Hofeinfahrt fuhren, kamen die nächsten Einsatzfahrzeuge angefahren. Linda warf noch einen Blick zurück. Es war gut, dass sie jetzt erst einmal beschäftigt war. Der Gedanke an die armen Hühner, die nicht mehr gerettet werden konnten, war unerträglich.

Schnell schafften sie die Strohballen aus der Scheune in den Stall und breiteten eine etwa zehn Zentimeter dicke Strohschicht auf dem Boden aus. Dann hievten sie die Käfige vom Wagen. Viele der Hühner waren wieder zu Bewusstsein gekommen. Langsam und vorsichtig trugen sie einen Käfig nach dem anderen zum Stall und ließen die Hühner frei. Die armen Tiere waren noch nie außerhalb ihres Käfigs und blieben einfach alle dort stehen, wo sie hingestellt wurden. Beppo inspizierte das Gelände. „Ich habe drüben auf dem Hof noch Maschendrahtzaun. Den hole ich rasch, sodass wir zumindest einen provisorischen Auslauf für die Tiere machen können. Dann können sie zur Stalltür rein- und rausgehen.

Er setzte sich wieder auf den Traktor und kam kurze Zeit später mit dem Auto zurück. Gemeinsam mit Jonas und Klara stellten sie einen Zaun auf, sodass die Hühner einen schönen Auslauf im Gras hatten. Mit der Sense mähte Beppo das Gras, das bislang hüfthoch stand. Mittlerweile war Herta, bewaffnet mit einem ihrer hervorragenden Hefezöpfe eingetroffen. „Na, ihr habt ja Ideen!“, sagte sie schmunzelnd. „Du scheinst eine Frau der Tat zu sein. Die armen Tiere, die nicht gerettet werden konnten! Dafür werden diese hier es jetzt so guthaben, wie noch nie in ihrem Leben“, sagte Herta und half ihrem Mann beim Spannen des Zaunes.

Kurze Zeit später war auch der vorläufige Auslauf fertig. „Die Hühner sind es nicht gewohnt im Freien zu sein. Du kannst dich darauf einstellen, dass nicht alle überleben werden“, sagte Beppo zu Linda. Linda schaute sich nach ihren Kindern um. Klara saß im Stall bei den Hühnern und weinte. Jonas stand etwas ratlos im Auslauf und kratzte sich am Kopf. Das war alles so rasend schnell gegangen. Vor zwei Stunden waren sie noch der Meinung, dass sie heute einen ruhigen Tag verbringen würden und jetzt hatten sie eine riesige brennende Legebatterie gesehen und waren plötzlich Besitzer von sehr vielen Hühnern.

„Mir kommt es so vor, als hätte ich das alles nur geträumt“, sagte Jonas und setzte sich einfach ins Gras. Herta war ins Haus gegangen und machte Tee, Kaffee und Kakao. Ihr Rezept gegen jegliche Irritation schien Essen und Trinken zu sein. Und es funktionierte. Nach einer Tasse Kaffee und Kakao und einem Stück Hefezopf war der Schock bei allen etwas gewichen. „Ich habe die Hühner gezählt, es sind fast 300“, sagte Klara. „Wow! Wir haben jetzt 300 Hühner! Was machen wir mit den Eiern?“


Tja, welche Idee werden die drei nun haben? Das erfahrt Ihr morgen.

Heute Abend gibt es wieder ein neues Video aus der Reihe „Von der Einsamkeit zum All-eins-Sein“.

Heute geht es um das Thema: Dein Seelenweg

Ich wünsche Dir einen wunderschönen Samstag

Ganz liebe Grüße

Manou


2 Kommentare zu „Lindas neues Leben 12

  1. Die meisten Menschen sind sich dessen nicht bewusst, wo die Eier herkommen. Danke für diese schöne Art der Aufklärung.

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