Georg kam ihnen aus dem dunklen Wohnzimmer entgegen. Seine Miene verriet nichts Gutes. Seine Lippen waren zusammengekniffen und seine Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt. „Wo wart ihr?“, presste er hervor.

Linda wunderte sich darüber, dass er offenbar ganz selbstverständlich erwartete, dass sie und die Kinder jederzeit zu Hause anzutreffen waren. „Wieso nimmst du das Telefon nicht ab?“, fragte er und sah Linda dabei wütend an. „Sorry, ich hatte es auf lautlos gestellt und vergessen, den Klingelton wieder einzuschalten. Wieso bist du schon da?“, versuchte Linda das Thema zu wechseln. „Vielleicht um zu überprüfen, was meine Familie so macht, wenn die Katze aus dem Haus ist“, sagte er und war offensichtlich nicht bereit, das Thema zu wechseln. „Was meinst du damit?“, fragte Linda und Wut kam in ihr auf. „Wir sind doch freie Menschen und dürfen uns bewegen wo und wie wir wollen.“ Georg schnaubte. „Also, wo wart ihr?“

Linda atmete einmal tief durch und sagte dann: „Das ist eine etwas längere Geschichte. Ich möchte noch rasch zur Toilette gehen und dann kann ich es dir erzählen.“ Klara und Jonas standen etwas ratlos herum und beobachteten die Szene. Linda überlegte, ob es besser war, die Kinder beim Gespräch einzubinden, oder ob sie es ihnen ersparen und sie besser ins Bett schicken sollte. Sie entschied sich dafür, dass diese Sache zuerst einmal zwischen ihr und Georg geklärt werden musste.

Jonas und Klara wirkten erleichtert, als Linda sie bat, ins Badezimmer zu gehen und sich frisch zu machen. Linda holte sich ein Glas Wein und setzte sich zu Georg auf die Terrasse. Sie dachte daran, dass manche Paare sich auf diese Weise am Abend zusammensetzten und sich freundlich vom Tag erzählen. Aber bei ihnen war es anders. Linda hatte das Gefühl, als würde sie sich zu einem Verhör begeben. Sie versuchte möglichst rasch und sachlich die ganze Geschichte zu erzählen. Der Besuch beim Notar, das Erbe, der Besuch des Hauses. Georg hörte ihr zu und bei der Erwähnung des Geldes und des Hauses hellte sich seine Miene etwas auf.

„Sehr schön“, sagte er, als Linda die Fakten geschildert hatte. Dann werden wir den alten Bunker möglichst rasch verkaufen und dann können wir uns endlich hier im Garten das Biotop anlegen, von dem wir schon so lange träumen.“ Linda war nicht sonderlich überrascht, genau mit dieser Reaktion hatte sie gerechnet. Der schwierige Teil des Gesprächs kam nun erst. „Ich möchte das Haus nicht verkaufen, es gefällt mir sehr gut“, sagte sie und sah gleich, wie Georgs Miene sich verdüsterte.

„Papperlapapp, natürlich verkaufen wir das Haus. Was willst du denn damit? Du schaffst ja nicht einmal, dieses Haus hier in Ordnung zu halten, wie sollte das mit einem zweiten Haus funktionieren? Vor allen Dingen haben wir nicht die geringste Verwendung für ein weiteres Haus.“ Georg sah wieder zufriedener aus. Er hatte seine Welt wieder zurechtgerückt. Am liebsten wäre Linda an dieser Stelle ins Bett gegangen und hätte sich jeder weiteren Diskussion entzogen, aber das ging jetzt nicht. Sie musste nun Nägel mit Köpfen machen.

„Georg, du hast mich offensichtlich nicht verstanden. Ich werde das Haus nicht verkaufen. Es ist mein Erbe und ich bestimme, was ich damit mache.“ Georg starrte sie schweigend an. Linda glaubte Hass in seinen Augen zu lesen. Wie kam sie dazu, sich seinen Anordnungen zu widersetzen? Das war er nicht gewohnt. „Was wir mit dem Kasten machen, bestimme immer noch ich! Du bist ja gar nicht in der Lage, die Tragweite einer solchen Entscheidung zu überblicken. Ich werde mich gleich morgen um einen passenden Makler kümmern. Gib mir die Nummer des Notars!“, sagte er mit Bestimmtheit und dachte erneut, dass das Thema nun beendet war.

„Du wirst nichts dergleichen tun!“, rief Linda nun aufgebracht. „Dies ist mein Haus, ich behalte es. Es ist schon schlimm genug, dass du das Erbe meiner Eltern verramscht hast.“ Georg schien es für einen Moment den Atem zu verschlagen. „Du bist heute offenbar nicht bei Verstand“, sagte er, stand auf und schien das Gespräch für beendet zu halten. Linda war einerseits erleichtert, denn sie hätte nicht gewusst, wie sie es heute schaffen sollte, ihm zu sagen, dass sie und die Kinder davon träumen, ein neues Leben zu beginnen. Es war ihr auch alles noch viel zu unausgereift. Sie wollte zuerst einmal Klarheit in ihren Gedanken schaffen. Es ging ihr jetzt alles viel zu schnell. Da Georg keine Anstalten mehr machte, das Gespräch noch einmal aufzugreifen, beschloss Linda, am nächsten Tag zum Notar zu fahren und alles für die Übernahme des Erbes in geregelte Bahnen zu lenken.

Der Notar nickte beruhigend. Linda war die alleinige Erbin des Anwesens und er würde alles tun, dass Georg keine Handhabe haben würde, das Haus ohne ihr Einverständnis zu verkaufen. Unfreiwillig war der nette, ältere Notar zum Seelentröster für Linda geworden. Aber das war genau das, was sie jetzt brauchte. Sie brauchte einen Menschen, der ihr beistand und dem sie uneingeschränkt vertrauen konnte. Der Notar erschien ihr hierfür bestens geeignet.

Als sie zwei Stunden später als gewöhnlich das Büro betrat, fiel ihr daher auch zuerst gar nicht auf, dass die Gespräche verstummten, als sie eintrat. Sie war noch so tief in ihre Gedanken versunken. Erst als die Sekretärin des Geschäftsführers sie zum Gespräch mit dem Chef bat, wurde sie stutzig. Sie war zwei Stunden zu spät gekommen, aber sie hatte angerufen und Bescheid gesagt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dies der Anlass für ein Gespräch mit dem Chef war.

Herr Bergmann saß in seinem Sessel und sah sie mit finsterem Blick an. Linda durchforstete sofort ihr Gewissen, aber es fiel ihr nichts ein, was sie falsch gemacht haben könnte. „Frau Hohenfeld“, begann er das Gespräch, „Sie wissen, warum ich sie zu mir gerufen habe?“ Linda schüttelte den Kopf. Was ging hier vor? Sie hatte keine Ahnung, weshalb sie hier stand. Er hatte ihr noch nicht einmal einen Platz angeboten.

„Sie waren verantwortlich für die Abwicklung des Geschäftes mit dem chinesischen Kunden?“ Linda nickte und wollte gerade sagen, dass sie den Fall allerdings an ihre Kollegin übergeben hatte. Aber Herr Bergmann wartete nicht auf eine Antwort. „Dann wissen sie auch, dass das Angebot, das sie verschickt haben, vollkommen falsch ausgepreist war?“ In dem Moment erwachte Linda aus ihrer Starre. „Ich habe das Angebot nicht verschickt. Ich habe diesen Geschäftsfall an Frau Singer abgegeben, da ich zu viele Fälle auf einmal hatte.“

Herr Bergmann sah sie noch finsterer an. „Frau Singer hat mich schon davor gewarnt, dass sie es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Sie bestätigen mir diese Einschätzung nun. Ich will auch gar nicht sehr viele Worte verlieren. Sie sind gekündigt!“

Morgen geht es weiter.

Ich wünsche Euch einen wunderschönen Samstag

Manou

PS: Heute erscheint noch ein Video zum Thema „Von der Einsamkeit zum All-eins-Sein“ auf meinem Youtube Kanal

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