Meine Lieben, ach manchmal muss man seine Entscheidungen revidieren. Da ich eigentlich wieder gerne eine mehrteilige Geschichte einstellen würde, habe ich mich heute entschlossen, „Lindas neues Leben“ zu nehmen. Diese Geschichte habe ich schon vor einigen Jahren geschrieben, finde sie aber gerade so aktuell. Ich hoffe, sie macht Euch Freude.

Die Kolleginnen schnatterten laut durcheinander und prosteten sich immer wieder gegenseitig zu. Linda stand etwas abseits und beobachtete die Szene. Sie hatten es also geschafft. Die Abteilung war trotz der Firmenübernahme erhalten geblieben. Die Stimmung war ausgelassen und alle waren froh, dass ihre Jobs nicht mehr in Gefahr waren. Linda hörte nur Gesprächsfetzen. Sie war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Die letzten Monate hatte sie insgeheim die Hoffnung gehegt, dass die Abteilung geschlossen wurde. Dieser Job war für sie schon lange zur Qual geworden. Aber Georg würde nie erlauben, dass sie kündigte. Er hatte sie damals hierher vermittelt und erwartete, dass sie bis zur Pension hier arbeiten würde. Heute war sie sogar froh darüber, dass man sie, wie immer, übersah. Es wäre ihr schwergefallen, die gleiche Freude zu heucheln, die offenbar die anderen empfanden. Es würde also noch Jahre so weitergehen. Belanglose Korrespondenz, belanglose Besprechungen, belangloses Getratsche am Kopierer…

Linda stellte ihr Sektglas ab und machte sich auf den Weg zur Toilette. Sie musste zwar nicht, wollte aber dort ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Auf der Toilette stützte sie ihren Kopf in die Hände und weinte ein paar stille Tränen. Sollte das ihr Leben sein? Sollte es wirklich so sein, dass sie weiterhin unendlich scheinende Tage hier verbringen musste? Vielleicht sollte sie sich einen anderen Job suchen? Egal, was Georg sagte. Aber dazu brauchte sie Mut und das war etwas, was ihr in den letzten Jahren abhandengekommen war. Das Leben mit Georg hatte jegliche Essenz ihrer selbst ausgelöscht. Sie funktionierte nur noch. Aber sie musste etwas ändern. So konnte es nicht weitergehen. Langsam rappelte sie sich auf, strich sich die blond gefärbten Haare aus der Stirn und gesellte sich wieder zu den anderen. Die Gruppe hatte sich langsam aufgelöst, die meisten hatten sich wieder auf ihren Arbeitsplatz zurückgezogen. Linda schaute auf die Uhr. Es war fast 15.00 Uhr, sie konnte langsam zusammenpacken.

Auf dem Rückweg hastete sie noch rasch in den nächsten Supermarkt und erstand die Zutaten für das Abendessen. Georg legte großen Wert darauf, dass das Abendessen immer frisch gekocht war. Das war die tägliche Herausforderung für Linda. Bis sie zu Hause war, war es wieder fast 16.00 Uhr.  Jonas und Klara waren kurz vor ihr angekommen und sie liebten es, sich dann erstmal gemeinsam um den Küchentisch zu setzen und die Ereignisse des Tages zu besprechen. Diese Zeit nahm sich Linda jeden Tag. Es war das Highlight des Tages. Danach beeilte sie sich, das Haus auf Vordermann zu bringen und das Essen vorzubereiten. Georg kam meist um 18.30 Uhr. Dann musste alles getan sein.  Das Abendessen verlief meist so, dass Georg über seinen Tag berichtete. Das waren endlose Geschichten über die Unfähigkeit andere Leute und wie sehr er sich wieder ärgern musste. Eigentlich war es jeden Tag der gleiche Monolog. Linda und die Kinder aßen meist schweigend und hingen ihren Gedanken nach. Georg erwartete keine Antworten, er wollte das nur alles loswerden.

Jedes Mal fühlte Linda, wie sie dabei an Energie verlor, wie sie innerlich kraftloser wurde und eine bleierne Müdigkeit überkam sie. Den Kindern schien es ähnlich zu gehen. Waren sie vorher meist fröhlich plappernd durchs Haus gegangen, wurden sie nach dem gemeinsamen Abendessen meist still und zogen sich bei der nächstbesten Gelegenheit in ihre Zimmer zurück. Georg stand nach dem Essen auf und setzte sich bei schönem Wetter mit der Zeitung auf die Terrasse. Manchmal machte er auch noch einen Rundgang durchs Haus und herrschte Linda und die Kinder an, etwas mehr Ordnung zu halten. Das passierte meist an den Tagen, an denen er sowieso schon sauer war. Und er war eigentlich immer sauer.

Linda vermutete, dass er seinen Job mindestens genauso sehr hasste, wie sie den ihren, aber er käme niemals auf die Idee, etwas daran zu ändern. Zu stolz war er auf das, was er geschaffen hatte. Dazu gehörten irgendwie auch Linda und die Kinder. Seine Familie war ebenso sein Besitz und seine Leistung wie das Haus am Stadtrand, das ihnen allen einen gewissen Luxus bot. Georg führte das gleiche Leben, das auch sein Vater geführt hatte. Anfangs fand Linda es wunderbar, dass sie einen Mann gefunden hatte, der für sie und die Kinder ein wunderbares Nest baute, doch mittlerweile fühlte sie sich wie eine Gefangene.  Und es war ein Wunder, dass die Kinder da noch mitspielten. Jonas mit seinen vierzehn Jahren begann zwar hin und wieder sanft aufzumucken, aber die zwölfjährige Klara gab sich noch alle Mühe, Papas brave Tochter zu sein. Es war schon lange ganz normal, dass sie ihm nur die guten Noten vorlegten, die anderen unterschrieb Linda.

Nachdem Linda die Küche aufgeräumt hatte, ging sie zum Briefkasten. Das war ihr abendliches Ritual. Sie schmiss die übliche Werbung gleich draußen in die Altpapiertonne und nahm die Briefe mit ins Haus. An diesem Abend stutzte Linda. Ein Brief von einer Notariatskanzlei, der an sie adressiert war, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Instinktiv steckte sie ihn in die Tasche. Sie würde ihn alleine öffnen. Sie legte Georg seine Post auf den Terrassentisch und zog sich mit ihrem Brief in die Küche zurück.

„Sehr geehrte Frau Linda Hohenfeld,

bitte vereinbaren Sie einen Termin mit unserer Kanzlei wegen einer Erbschaftsangelegenheit.

Erblasser: Hans Breitner, geb. am 05.02.1939 gest. am 04.03.2019“

Danach folgten die Kontaktdaten. Wer war Hans Breitner? Linda konnte sich nicht an den Namen erinnern. Der Mädchenname ihrer Mutter war Breitner. Er musste also aus dieser Linie stammen. Aber sie konnte sich nicht erinnern, dass jemals jemand von ihm gesprochen hatte.

Und wieder riss sie diese Erinnerung in ein tiefes Loch. Vor mittlerweile fünf Jahren waren ihre Eltern beide bei einem Autounfall verstorben. Sie hatte das nie verarbeitet. Damals begann wahrscheinlich ihre innere Entfremdung von Georg. Nicht ein einziges Wort des Trostes hatte er ihr damals gespendet. Er war nur auf das Erbe aus und lästerte sogar darüber, dass sie „nur“ rund einhunderttausend Euro erbte. Er hatte das Geld damals sofort in das Haus gesteckt, ohne Linda auch nur zu fragen, ob sie damit etwas Anderes machen wollte. Linda war damals so tief vom Tod ihrer Eltern getroffen gewesen, dass sie nicht die Kraft hatte, zu widersprechen. Sie musste mit ihrer Trauer und der Trauer der Kinder umgehen, die ihre liebevollen Großeltern verloren hatten. Erst viel später wurde ihr bewusst, dass dieses Erbe vermutlich die einzige Möglichkeit gewesen wäre, ihr Leben zu verändern. Aber es war zu spät. Georg hatte einfach über das Geld verfügt und damit ihren Käfig noch weiter ausgebaut.

Aber dieses Mal würde sie vorsichtiger sein. Sie würde Georg erst einmal nichts davon sagen. Diesen Notartermin würde sie alleine wahrnehmen und dann in Ruhe überlegen, was als nächstes zu tun sei. Sie hatte zwar keine Ahnung, ob sie nicht vielleicht sogar Schulden erwarteten, die sie ausschlagen musste, aber sie wollte dieses Mal eine eigene Meinung vertreten und selbst entscheiden. Sie steckte den Brief in ihre Handtasche. Morgen würde sie noch vor der Arbeit dort anrufen und einen Termin vereinbaren.

Der Brief machte sie etwas fröhlicher als sonst. Auch wenn es nicht sicher war, dass sie eine nennenswerte Erbschaft machen würde, so war er doch ein Funken Hoffnung, dass sich etwas in ihrem Leben verändern könnte. Während sie im Bad einen Korb Wäsche faltete, dachte sie immer wieder an den Brief. Dieses Kribbeln im Bauch hatte sie schon lange nicht mehr gespürt. Sie fürchtete sich fast davor, anzurufen, da sie dieses Gefühl nicht gefährden wollte. Klara gesellte sich zu ihr und erzählte ein wenig aus der Schule. Auch Jonas setzte sich ins Bad und las Linda einen Aufsatz vor, den er gerade geschrieben hatte. Es war Georg in all den Jahren nicht aufgefallen, dass sich die Familie so gut wie nie freiwillig zu ihm gesellte. Aber Linda vermutete, dass es ihm egal war. Sie waren für ihn nicht mehr als Statussymbole. Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder!

Morgen geht`s weiter 🙂

Ich wünsche Euch einen schönen Dienstag!

Manou

4 Kommentare zu „Lindas neues Leben

  1. Ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht liebe Manou.
    So ähnlich erleben einige Familien ihr Leben. Sie dümpeln vor sich hin, da sie Angst vor der Veränderung haben.

  2. Ach, das ist ja nicht auszuhalten…..Letztes Jahr die Erdenreise….jeden Tag warten auf den Abend! Und nun schon wieder. Danke für das highlight.

Kommentar verfassen