Momentaufnahme aus der Zukunft

Da ich immer wieder Bilder und Fetzen von Bildern aus einer möglichen Zukunft vor meinem geistigen Auge sehe, schreibe ich diese gerade auf, ums sie zu einem Buch zusammenzufassen. Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir Bilder haben, wie es aussehen könnte, damit wir eine Idee davon erhalten, worauf wir eigentlich hinarbeiten. Ich möchte Euch heute einen Auszug davon zu lesen geben. Ich wünsche Euch viel Freude damit.

„Nein! Bitte tu das nicht!“, rief Merle und versuchte Julian davon abzuhalten zu gehen, indem sie seine Arme festhielt. Julian löste sanft den Griff ihrer Hände. „Merle, du weißt, dass ich gehen muss. Es kann nicht sein, dass ich meinen Bruder seinem Schicksal überlasse. Ich muss versuchen, ihn zu holen.“ Merle begann zu weinen. „Ich habe Angst, dass sie dich gefangennehmen“, schluchzte sie. „Mach dir keine Sorgen. Ich passe auf mich auf. Und ich werde geführt sein. Aber ich kann hier nicht glücklich werden, solange Chris noch dort ist.“ Merle schlug die Hände vors Gesicht. „Es war seine eigene Entscheidung, Julian“, sagte sie. Julian schüttelte den Kopf. „Du weißt es, und ich weiß es auch, dass es nicht seine eigene Entscheidung war. Sie hatten ihn schon so sehr manipuliert, dass er keine freie Entscheidung treffen konnte.“ Mit diesen Worten strich er Merle noch einmal über den Kopf und verließ die Siedlung. Merle schaute ihm noch lange nach. Würde sie ihn heute das letzte Mal gesehen haben? Sie wusste, dass Julian seinen Bruder über alles liebte. Schließlich hatte er ihn großgezogen, nachdem die Eltern gestorben waren. Aber sie liebte Julian, und sie wollte ihn nicht verlieren.

Um sich abzulenken, ging sie hinaus in den Garten. Dort war schon reges Treiben. Es war schon bald Zeit, die ersten Setzlinge einzupflanzen und viele Nachbarn waren damit beschäfigt, die Beete vorzubereiten. Zunächst überlegte sie, ob sie sich auch an ihrem Beet zu schaffen machen sollte. Doch sie entschied sich anders. Mit schnellen Schritten ließ sie den Garten hinter sich, ging an den vielen kleinen Häusern vorbei, die die Gemeinschaft hier aufgebaut hatte, und erreichte schließlich den Waldrand. Im Wald fühlte sie sich sicher. Er heilte meist ihren Schmerz. Auch sie hatte viele Freunde und Familienmitglieder in der alten Welt zurückgelassen. Doch um keinen Preis würde sie dahin noch einmal zurückkehren. Es war schwer genug gewesen, zu entkommen. Sie war eine derjenigen, die sich erst sehr spät entschlossen hatten, den alten Strukturen, die sich immer mehr zusammenzogen und die immer weniger Freiraum ließen, zu entkommen. Die Bäume im Wald gaben ihr die notwendige Ruhe, die sie jetzt brauchte. Es war alles so perfekt hier. Julian war der Mann, nachdem sie sich immer gesehnt hatte. Sie hatten hier jeder ein Häuschen und einen Garten und waren angesehene Mitglieder der Gemeinschaft. Sie könnten hier einfach ruhig leben. Niemand verfolgte sie mehr. Sie waren aus der alten Gesellschaft ausgeschlossen und es war gut, sich fernzuhalten. Und nun musste sie mit der Ungewissenheit leben, dass sie nicht einmal wusste, ob Julian überhaupt wieder zurückkommen würde. Er hatte auch keine Angabe gemacht, wie lange er bleiben würde. „So lange, bis ich meinen Bruder überzeugt habe“, hatte er ihr immer wieder geantwortet.

Je länger sie unter den Bäumen saß, desto bewusster wurde es ihr, dass sie beide nicht glücklich geworden wären, wenn sie Julian aufgehalten hätte. Seit Tagen hatte sie versucht, ihn durch Schmeicheln, durch Bitten, sogar durch Drohungen von seinem Vorhaben abzubringen. Doch es war ihr nicht gelungen. Die Bäume raunten ihr zu, dass es notwendig war, dass er diesen Weg beschritt. Er wollte seinen Bruder retten und war sich selbst bewusst, dass es keine Garantie dafür gab, dass ihm dies gelingen würde. Aber er würde es sich nicht verzeihen, wenn er es nicht zumindest versucht hätte. Und vielleicht würde er mit dieser Mission sein Leben riskieren. Sie, die Abtrünnigen, wurden gnadenlos verfolgt, wenn sie zurück ins alte System gingen. Und sie waren leicht zu erkennen. Sie trugen das Mal nicht. Die Detektoren reagierten nicht auf sie, sodass sich weder Türen öffneten um ihnen Einlass zu gewähren, noch durften sie sich auf öffentlichem Grund – der an fast allen Stellen überwacht war – bewegen. Sie waren Aussätzige und das System ging davon aus, dass sie nicht lange überleben würden.

Merle band sich entschlossen die Haare zu einem Knoten zusammen, strich ihre Kleider glatt und ging zurück in die Siedlung. Sie würde jetzt stark sein. Die Heiler hatten ihr gesagt, dass sie Julian damit unterstützen konnte, indem sie ihm die ganze Zeit Kraft und Energie schickt. Julian war selbst ein Heiler, sein Krafttier war ein mächtiger Adler, sodass er durch ihn den Überblick bewahren würde. Und er war mutig und klug. Sie würde ihm helfen, indem sie an ihn glaubte und ihn mit der Kraft ihrer Gedanken unterstützte. Als sie durch die Gärten zurückging, trafen sie die fragenden Blicke der Nachbarn, aber sie alle waren achtsam genug, sie nicht zu fragen, wie es ihr ging. Schließlich wussten sie alle Bescheid. Julians Mission war in der Gemeinschaft mehrmals besprochen worden. Und viele der Heiler saßen nun im Heilerviertel zusammen und arbeiteten für Julian. Sie durfte wieder Mut fassen.

Hier in der Gemeinschaft hatten sie sich dazu entschieden, dass sie bestimmte Berufsgruppen zusammengefasst hatten. Deshalb war ein Teil der Siedlung von den Heilern bewohnt, auch Julian wohnte im Heilerviertel. Ein anderer Teil war von den Lehrern bewohnt und Merle wohnte im Produktionsviertel. Als sie hierher kam, wurde sie gefragt, womit sie für den Anfang ihren Lebensunterhalt verdienen wollte und da sie es liebte zu nähen, hatte sie sich ausgewählt, dass sie die Kleidung für die Gemeinschaft nähen würde. Sie hatte sich schon früh für Modedesign interessiert, aber ihre Eltern hatten ihr den Besuch der Modeschule verboten. Sie sollte etwas Anständiges lernen, so wurde sie in die Tourismusbranche und die Gastronomie gezwungen und sie hatte es gehasst. Doch hier kam es nicht darauf an, dass sie einen Abschluss der Modeschule vorweisen konnte, sondern es zählte nur, wie gut sie ihr Handwerk verstand. Und bald war sie eine gefragte Designerin und Näherin geworden. Männer, Frauen und Kinder liebte ihre Kleidung, die immer mehr einen eigenen Stil erhielt. Entschlossen ging sie ins Haus uns begann an einem angefangenen Kleid weiterzuarbeiten. Julian würde es schaffen! Jetzt war sie sich sicher!

So, das war mal eine Kostprobe von Julians und Merles Abenteuern in der neuen Welt.

Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Sonntag

Manou Gardner Medium aka Manuela Pusker

6 Kommentare zu „Momentaufnahme aus der Zukunft

  1. Heute erst um 21.30 Uhr zur Nacht gelesen……..und es gruselt mich, läuft mir eiskalt den Rücken runter…..denn ich kann mir das so gut bildhaft vorstellen. Ich wünschte auch, dass Du Dich irrst. Doch ich sehe diese Welt kommen und zum Teil ist sie schon da. Ich freue mich auf das spannende Buch.

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