Die Erdenreise Teil 6

Hier findet Ihr den sechsten Teil sowohl zum Lesen als auch als Video

Als der nächsten Morgen anbrach, waren Luisahim und Theorahel schon sehr früh wach. Sie überlegte, wie sie Mongila und auch ihren Kolleginnen helfen konnten. Als Gabriel endlich da war, hatten sie eine Menge Fragen: „Wo waren wir gestern eigentlich?“, fragte Theorahel als erstes. Er hatte sich nämlich nicht getraut, Mongila zu fragen. Sie hätte sonst sicher Verdacht geschöpft. „Ihr wart in Bangladesch und da werdet ihr heute wieder hingehen. Es gibt vieler dieser Fabriken in Bangladesch und die Menschen dort haben ein erbärmliches Leben. Ich gebe euch heute noch etwas mit. Es ist ein Tuch, aber kein normales Tuch. Wenn ihr euch mit diesem Tuch über die Stirn wischt und dabei ganz fest an einen Wunsch denkt, wird er sich in der Sekunde erfüllen. Das Tuch kann drei Mal benutzt werden. Also verwendet es klug.“ Luisahim steckte das Tuch schnell ein. Das würden sie sicher brauche. Immerhin lag eine riesige Aufgabe vor ihnen und sie hatten nicht die geringste Idee, wie sie das schaffen sollten. „Danke“, sagte Luisahim und Gabriel nickte freundlich. „Wir sind alle sehr stolz auf euch“, sagte er auch heute noch einmal. Dann kam auch schon der Wirbel und die beiden befanden sich nur wenige hundert Meter vor dem Dorf Bonnotola. Langsam gingen sie in Richtung des Dorfes. „Wie werden wir das heute machen?“, fragte Luisa. Theo zuckte die Schultern. „Lassen wir es auf uns zukommen. Vielleicht weiß Mongila ja, was sie brauchen würde. Die Menschen wissen das oftmals sehr genau. Aber es fehlt ihnen manchmal die Möglichkeit und immer das Vertrauen, dass es funktionieren könnte.

Als sie sich Mongilas Haus näherten, sahen sie schon die Kinder draußen spielen. Diese entdeckten sie auch sofort und rannten auf sie zu. Das älteste Mädchen streckte ihnen die Hand entgegen. „Guten Tag, ich bin Salma. Und ich möchte euch von Herzen danken, dass ihr unsere Mutter nach Hause gebracht habt. Wir hatten viel Angst in den letzten Wochen.“ Bei diesen Worten traten dem Mädchen wieder Tränen in die Augen. „Ich bin Luisa und das ist Theo und wir freuen uns, dass wir euch und eurer Mutter helfen konnten. Nun sind wir hier, um mit eurer Mutter zu sprechen und zu überlegen, wie wir euch und anderen Familien helfen können.“ Salma lächelte und zeigte auf ihre jüngeren Geschwister: „Mein Bruder heißt Kazi und meine kleine Schwester Nasrin, und ich danke auch in ihrem Namen. Ihr seid uns herzlich willkommen und gerne überlegen wir auch, ob wir etwas dazu beitragen können“, sagte Salma. Luisa und Theo begrüßten Kazi und Nasrin und wunderten sich darüber, wie erwachsen Salma mit ihren sieben Jahren schon wirkte. Aber es war ja kein Wunder, sie hatte jetzt wochenlang für ihre kleinen Geschwister gesorgt, ohne zu wissen, ob die Mutter jemals wiederkommt. Da wird man vermutlich ganz schnell erwachsen. Das sollte kein Kind erleben müssen!

Gemeinsam gingen sie in die Hütte, wo Mongila bereits das Frühstück vorbereitete. Sie kochte gerade Reis auf einer Feuerstelle und stapelte das Fladenbrot, das sie gestern gekauft hatten, auf einen Teller. In einer Pfanne wurde Gemüse geröstet. Auch vom Käse schnitt Mongila kleine Stücke ab. Als sie Luisa und Theo sah, freute sie sich riesig und lud sie sofort zum Frühstück ein. Auch sie bedankte sich noch einmal überschwänglich. Sie wirkte richtig glücklich. Theo und Luisa setzten sich mit den Kindern im Kreis und Mongila brachte das Essen. Sie aßen mit den Händen und nahmen das Gemüse mit dem Fladenbrot auf. Es schmeckte köstlich. Luisa und Theo erlebten das erste Mal ein Essen mit scharfen Gewürzen und wunderten sich über das seltsame Gefühl im Mund.

Als sie gegessen hatten, setzten sich Luisa und Theo mit Mongila vor die Hütte in den Schatten. „Wieso müsst ihr alle in den Fabriken arbeiten? Gibt es keine andere Möglichkeit, dass ihr Geld verdienen könnt?“, fragte Theo. „Wir haben versucht, unser Geld damit zu verdienen, dass wir Körbe flechten und andere Gegenstände herstellen. Aber da keiner von uns genügend Geld hat, um das Material vorher einzukaufen, mussten wir immer an denselben Händler verkaufen, der uns im Vorfeld das Material gegeben hat. Und dieser Händler hat uns immer so wenig dafür bezahlt, dass wir irgendwann damit aufgehört haben. Es ist uns praktisch nie etwas übriggeblieben. Wir hatten zwar Arbeit, aber trotzdem nicht genügend Geld, um davon zu leben. „Hättet ihr denn andere Händler, die euch die Dinge abkaufen würden?“, fragte Luisa und eine Idee keimte in ihr auf. „Ja, es gibt schon Händler, die einen vernünftigen Preis bezahlen, aber die geben uns das Material vorher nicht. Daher waren wir all die Jahre auf diesen einen Händler angewiesen.

„Mongila, wäre es möglich, dass du alle Frauen bittest, dass sie zu Mittag hier zu deiner Hütte kommen und wir darüber sprechen können?“ Mongila nickte. „Viele sind nicht mehr hier. Die meisten sind schon lange in den Fabriken. Aber vielleicht kommen deren Mütter. Die sind ja auch daran interessiert, dass ihre Töchter wieder nach Hause kommen können. Das dauernde Weinen der Kinder nach ihren Müttern ist ja für niemanden leicht.“ „Gut“, sagte Luisa. „Theo und ich gehen uns nun beraten und kommen zu Mittag wieder hierher. Schau zu, dass du so viele Frauen wie möglich zusammentrommeln kannst.“

Mongila machte sich sofort auf den Weg und Luisa und Theo gingen aus dem Dorf hinaus und setzen sich unter einen Baum. „Ich denke, ich weiß schon die Lösung“, sagte Luisa. Wir müssen nur schauen, dass wir das Tuch nur einmal benützen müssen. Deshalb ist es wichtig, dass wir nachher die Frauen dazu befragen, was sie alles herstellen können, das sich gut verkaufen lässt. Und dann müssen wir von ihnen wissen, wieviel Geld sie dafür brauchen. Ich glaube, das könnte funktionieren. Luisa war ganz aufgeregt. Theo wusste noch nicht so recht, was sie vorhatte, ließ sich aber von ihrer Freude anstecken. Immerhin hatten sie vor ein paar Stunden noch keine Ahnung, was sie hier tun könnten.

Es war für ihn spannend zu erleben, dass es immer aus der Entfernung so schwierig wirkte, doch, wenn man mit den Menschen sprach, wurde es gleich viel einfacher. Er begann so langsam zu verstehen, dass gar nicht er und Luisa die Lösung finden mussten, sondern dass die Menschen eigentlich immer die Lösung schon kannten und es nur an der Umsetzung scheiterte. Das hatte man ja auch bei Martin gesehen. Er wusste, was sein Traum war. Theo dachte daran, was Martin jetzt wohl gerade machte und ob er seinen Traum umsetzen würde? Aber ganz bestimmt würde er das, dachte Theo dann. Er war vorgestern so glücklich gewesen. Er war sich mittlerweile sicher, dass sie heute Abend wieder mit einem guten Ergebnis nach Hause gehen und die Menschen hier auch ein wenig glücklicher zurücklassen würden.

Die beiden entschieden, sich noch ein wenig umzuschauen. Obwohl alles sehr einfach war, wirkte es doch sehr gemütlich in dem Dorf Bonnotola. Kaum hatte man die letzten Häuser hinter sich gelassen, war man umringt von Palmen und anderen tropischen Pflanzen. Hier wirkte alles ganz anders, als sie es gestern bei den Textilfabriken erlebt hatten. Von Trostlosigkeit war keine Spur zu sehen.

Doch schon bald war es Zeit, zu Mongilas Hütte zurück zu gehen. Dort hatten sich bereits eine Gruppe alter und junger Frauen versammelt und Theo und Luisa gingen herum und begrüßten sie alle. Alle Frauen wirkten sehr freundlich, aber auch ein wenig vorsichtig. Theo und Luisa hatten dafür Verständnis. Schließlich waren sie fremd und die Menschen wussten nur, dass sie gestern Mongila zurückgebracht hatten.

Als noch ein paar letzte Frauen eingetroffen waren. Setzte sich Mongila nun auch in den Kreis. Offenbar waren nun alle da. Sie deutete Theo und Luisa, dass sie nun sprechen konnten. Luisa ergriff das Wort. „Guten Tag und danke, dass ihr so zahlreich gekommen seid“, leitete sie das Gespräch ein. „Wir sind Fremde und haben gestern durch Zufall Mongila getroffen und sie hat uns ihre Geschichte erzählt. Sie hat uns erzählt, dass sie und andere Frauen ihre Kinder alleine zurücklassen müssen, um in den Fabriken unter schrecklichen Bedingungen zu arbeiten. Und wir wollen euch nun helfen, eine bessere Möglichkeit zu finden“, sagte Luisa. Es entstand Gemurmel unter den Frauen. Ein paar wirkten sehr interessiert, ein paar andere wirkten eher misstrauisch. Wahrscheinlich waren sie bisher nicht viel Gutes von Fremden gewohnt. „Wie wollt ihr uns helfen?“, fragte eine der älteren Frauen. „Meine beiden Töchter sind in der Fabrik und ich kümmere mich um sieben Kinder, die ich nur schlecht und recht ernähren kann. Auch bin ich zu alt, um den ganzen Tag nach so vielen Kindern zu schauen, die dauernd nach ihren Müttern weinen.“ Ein paar andere Frauen nickten zustimmend.

„Zunächst würde ich euch gerne fragen, was ihr denn herstellen könntet, wenn ihr das Geld für das Material hättet. Mongila hat uns von den Körben erzählt, die ihr gemacht und wofür ihr aber viel zu wenig Geld erhalten habt. Die Frauen nickten. Dann begann die erste der Frauen zu sprechen: „Viele von uns können nähen. Aber wir haben weder Stoff noch Nähmaschinen. Ein paar können wunderbare Teppiche weben, aber wir haben weder Wolle noch Webstühle. Wieder andere können Bänder flechten…Und natürlich können wir alle Körbe flechten und wir können auch aus Bambus verschiedene Küchengeräte herstellen. Aber für alles fehlt das Geld.“ 

Theo bat die Frauen, eine nach der anderen, dass sie rechneten, wieviel Geld sie brauchen würden, um ihre Produkte herzustellen. Mongila schrieb mit. Als alle geendet hatten, erschien ein Betrag von rund einhunderttausend Taka. Luisa rechnete es schnell in das Geld um, das sie vor ein paar Tagen bei Martin gesehen hatten. Es waren rund eintausend Euro. Das war viel und auch wieder nicht.

Sie baten um ein kurzes Gespräch mit Mongila. „Wenn wir das Geld besorgen könnten, wärst du bereit, dafür zu sorgen, dass dies alles besorgt wird? Und wärst du auch bereit dafür zu sorgen, dass, während ihr arbeitet, jemand die Kinder betreut und in verschiedenen Dingen unterrichtet?“ Mongila nickte begeistert. „Ja, das würde ich gerne tun“, aber woher wollt ihr so viel Geld nehmen? In dem Moment wischte sich Luisa mit dem Tuch den Schweiß von der Stirn und in der Sekunde spürte sie ein großes Bündel Scheine in ihrer Tasche. Das übergab sie Mongila.

Gemeinsam gingen sie wieder nach draußen.  Luisa bat die Frauen um Ruhe und sagte: „Mongila wird nun dafür sorgen, dass jede Familie das Material bekommt, das sie braucht. Ihr braucht uns das Geld nicht zurückgeben, aber ihr müsst uns versprechen, dass ihr die anderen Frauen aus den Fabriken holt und dass ihr das Geld, das ihr jetzt von uns bekommt, irgendwann an jemand anderen weitergebt, der es aus diesem Grund brauchen kann. Es muss aber immer die Möglichkeit sein, dass die Menschen sich mit diesem Geld eine Existenz aufbauen. Und ihr müsst uns versprechen, dass ihr dafür sorgen werdet, dass eure Kinder zur Schule gehen können. Ihr alle seid nun dafür verantwortlich, dass zuerst dieses Dorf und dann die anderen Dörfer wieder aufblühen, weil die Menschen das Geld haben, sich etwas aufzubauen und die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Seid ihr dazu bereit?“  Alle Frauen nickten und strahlten um die Wette. Theo und Luisa mussten sich schon wieder beeilen. Mongila, die Frauen und die Kinder begleiteten sie noch aus dem Dorf hinaus.

„Wir vertrauen euch und wir werden wiederkommen, um zu schauen, was ihr geschaffen habt.“ Alle winkten sich gegenseitig zu. Sobald die Frauen und Kinder außer Sichtweite waren, blieben die beiden stehen und spürten bald den wohlbekannten Wirbel.

Sie waren schrecklich müde und nachdem sie Gabriel, Michael und Phanuel alles haarklein erzählt hatten, fielen sie auch schon in ihre Betten und schliefen sofort ein.

Das war die heutige Folge und ich wünsche auch Euch eine gute Nacht – schlaft schön!

Manou

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