Die Erdenreise Teil 4

Die drei staunten nicht schlecht, als sie feststellten, dass hinter der geschlossenen Hausfassade ein wunderschöner Hof und ein Garten lagen. Links im Hof war ein langgestrecktes, einstöckiges Gebäude, auf das die alte Frau nun zuging. Die Fenster waren blind vor Staub und Schmutz, sodass sie von außen nicht erkennen konnten, was sich in dem Haus verbarg. Die alte Frau zog einen großen Schlüsselbund aus der Tasche und steckte einen der riesigen Schlüssel in das alte Schloss. Nach längerem Rütteln drehte sich der Schlüssel im Schloss und sie schob die Tür auf und trat beiseite, damit Martin hineinschauen konnte. Luisa und Theo staunten nicht schlecht und auch Martin fehlten ganz offensichtlich die Worte. Alle drei schauten hinein und schwiegen. Jeder versuchte das, was sie sahen, irgendwo einzuordnen. Die alte Frau schien das Schweigen der drei falsch zu verstehen. Sie griff wieder zur Klinke und zog die Tür zu. „Sie müssen das ja nicht machen, wenn sie nicht wollen“, sagte sie und die Enttäuschung war ihr deutlich anzumerken. Martin fasste sich als erster. „Ist das eine Tischlerwerkstatt?“, fragte er. Die Frau, die bereits den Schlüssel wieder in das Schloss steckte um die Tür zu verschließen, knurrte: „Ja. Zumindest war sie das einmal, als mein Mann noch lebte. Jetzt muss ich mich darum kümmern, dass das Zeug wegkommt, damit sich darum nicht die Leute von der Stadt kümmern müssen, wenn ich mal gestorben bin.“ Mit diesen Worten verschloss sie die Tür wieder und machte eine Bewegung um die drei zu verabschieden. Martin wedelte mit den Armen. „Nein! Bitte! Ich war nicht so schweigsam, weil ich die Arbeit nicht machen will, sondern weil es mit tatsächlich die Sprache verschlagen hat. Gerade hatten wir noch darüber gesprochen, wie gerne ich eine Tischlerwerkstatt haben würde, um Schlafwagen für Obdachlose zu bauen. Deshalb waren wir jetzt alle wie vom Donner gerührt.

Die Miene der Frau wurde wieder etwas freundlicher. „Was wollen sie machen?“, fragte sie ein klein wenig versöhnlicher. „Das ist jetzt etwas kompliziert, aber die beiden hier…“, dabei zeigte er auf Luisa und Theo, „…hatten mich gerade gefragt, was denn mein Traum wäre und ich habe die letzte Stunde darüber gesprochen, dass ich einen großen Traum habe, aber dass ich dazu Werkzeug, eine Werkstatt und Material bräuchte. Deshalb war ich jetzt gerade so fassungslos, dass in der Sekunde all das auftauchte. Die alte Frau stand ein wenig unschlüssig herum, sie wirkte als wüsste sie nicht, ob sie das glauben und was sie davon halten sollte. Ein wenig zögerlich steckte sie den Schlüssel erneut ins Schloss und öffnete die Tür zum zweiten Mal. Sie machte eine einladende Handbewegung, die Martin aufforderte, die Werkstatt zu betreten. Luisa und Theo wussten nicht so recht, ob sie auch mit hinein durften und entschieden sich, ein wenig zu warten. Doch die alte Frau winkte auch sie hinein. Martin begutachtete alles fachmännisch. „Funktionieren die ganzen Maschinen noch?“ Die alte Frau zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, die hat seit zwanzig Jahren keiner angefasst. Eventuell müsste man sie überarbeiten. Martin streichelte ehrfürchtig über Kreissägen und Hobelmaschinen und blies hier und da den Staub weg, um sie besser betrachten zu können. Die alte Frau beobachtete ihn dabei. Martin traute sich nicht zu fragen, ob er diese Werkstatt benutzen durfte. Wenn die Frau dies ablehnte, dann wäre sein Traum in wenigen Minuten geplatzt. Lieber wollte er noch ein paar Minuten weiterträumen. Er sah sich im Geiste schon hier arbeiten. Seit vielen Jahren hatte er das erste Mal das Gefühl, dass ein geregeltes Leben in greifbarer Nähe lag. Wenn der Traum jetzt platzte, dann wäre die Dunkelheit seines Lebens noch viel tiefer als sie noch vor einer Stunde war. Dieser Gedanke ließ ihn fast verzweifeln. So verharrte er dabei, eine Maschine nach der anderen zärtlich zu streicheln. Die Werkstatt war nicht nur gut, sondern sie war sehr gut ausgestattet. Selbst wenn die Hälfte der Maschinen nicht mehr funktionieren würden, wären genügend da um das zu tun, was er tun wollte. Und es waren alte, solide Maschinen von hervorragender Qualität. Die konnte man auch wieder aufarbeiten und reparieren. „Was ist jetzt? Räumen sie das Zeug raus?“, fragte die alte Frau. „Mir ist es egal, was sie damit machen. Von mir aus können sie es auch behalten.“ Martin schluckte. Er musste es wagen. „Darf ich sie etwas ungemein Wichtiges fragen?“, sagte er und seine Stimme zitterte. Sein Glück hing an einem seidenen Faden. Die Frau kniff ihre trüben Augen zusammen. „Wollen sie heute noch fragen, oder sollen wir bis morgen hier in der Kälte stehen?“, fragte sie. Martin öffnete den Mund, aber es kam nur ein Krächzen heraus. Luisa und Theo hielten ebenfalls die Luft an. Das Schicksal lag nun in den Händen der alten Frau. Diese wurde langsam ungeduldig, drehte sich um und ging auf das Wohnhaus zu. Martin öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er wollte ihr gerade nachlaufen, als sie sich umdrehte und sagte: „Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber mir ist kalt. Kommt mit, ich koche uns einen Tee und vielleicht lernen sie bis dahin auch wieder zu sprechen.“ Martin, Theo und Luisa fielen ganze Felsbrocken vom Herzen. Vielleicht konnten sie mit der Alten in Ruhe über Martins Idee sprechen. In dem Moment fiel Martin der Hund wieder ein, den Luisa die ganze Zeit schon an der Leine hielt. „Was soll ich mit dem Hund machen?“, fragte er. „Darf er mitkommen?“ Die alte Frau musterte zuerst Martin, dann den Hund und sagte: „Ich weiß nicht, wer von euch beiden schlechter riecht. Nehmen sie ihn mit.“ Gemeinsam gingen sie in den düsteren Hauseingang. Martin, Theo und Luisa folgten ihr einfach. Sie schlurfte mit langsamen Schritten zu einer der Wohnungstüren. Die Wohnung war ebenfalls dunkel, aber sie war wunderbar warm. Die Alte bat sie in die Küche, wo ein großer, alter Küchentisch stand. Sie setzten sich auf die Eckbank, während sie Wasser aufstellte, Tee kochte und Kekse aus einer Dose auf einen Teller legte. Luisa und Theo schauten sehr aufgeregt. Es würde gleich das erste Mal sein, dass sie etwas aßen wie die Menschen. Martin schaute ebenfalls auf die Kekse. Auch er schien hungrig zu sein.

Als sie allen vor ihren dampfenden Teetassen saßen, begann Martin nun endlich zu sprechen. „Ich weiß, es ist vermessen, was ich jetzt fragen werde. Aber ich bitte sie inständig, dass sie mir bis zum Ende zuhören. Die alte Frau nickte und während Martin seine Idee lange und ausführlich schilderte, kauten Luisa und Theo das erste Mal in ihrem Leben einen Keks. Er schmeckte köstlich. Der süße Geschmack und die krümelige Konsistenz in ihrem Mund gefiel ihnen. Während Martin immer noch sprach, beobachteten sie die Reaktionen der Frau. Es war schwer zu erkennen, was sie dachte. Sie saß einfach da und hörte zu. Als Martin geendet hatte, wagte er gar nicht sie anzuschauen. Sein Herz pochte wie verrückt in seiner Brust und er drückte sein Bein an das warme Fell des Hundes unter dem Tisch, als könne der ihm helfen. Er brauchte Halt, sonst wäre er einfach umgefallen. Die alte Frau schwieg lange und tauchte nachdenklich einen Keks in ihren Tee und ließ ihn dann im Mund zergehen. Theo und Luisa taten es ihr nach. Das war ebenfalls ein sehr interessanter Geschmack.

Nach ein paar Minuten hob die alte Frau ihren Kopf und öffnete den Mund um zu sprechen. Alle drei hielten die Luft an. „Ich heiße Klara. Klara Siebenlist“, sagte sie und nickte allen dreien zu. Martin erschrak. Stimmt! Sie hatten sich ja noch gar nicht vorgestellt. „Ich heiße Martin. Martin Körner“, sagte er und sah zu Luisa und Theo. Die beiden erkannten, dass es offenbar bei den Menschen üblich war, dass man einen zweiten Namen hatte. Was sollten sie jetzt sagen. „Ich heiße Luisa und das ist Theo“, sagte Luisa. Sie sah, dass die alte Frau wartete. „Und wie heißt ihr noch?“, fragte die Alte. „Luisa und Theo Engel“, sagte Luisa und atmete insgeheim auf. Die alte Frau war zufrieden. Das war gerade nochmal gut gegangen. Hoffentlich wollte sie nicht zu viel von ihnen wissen. Aber Klara wandte sich schon wieder Martin zu. „Ich vermute, ich treffe gerade eine schrecklich unvernünftige Entscheidung. Aber ich würde zu gerne noch einmal hören, wie dort drüben die Sägen aufheulen. Seit mein Mann und mein Sohn vor fast zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, hat niemand mehr da drüben gearbeitet. Und ich habe bis jetzt gebraucht, um mich davon trennen zu können. Und kaum will ich mich trennen, kommen sie und wollen darin arbeiten. Dann machen wir das. Wir probieren es einfach aus.“ Martin konnte seinen Ohren kaum trauen. Er fürchtete, dass dies alles nur ein wunderschöner Traum war und kniff sich ständig in den Unterarm um sich selbst zu versichern, dass er wach war. Aber scheinbar war er wach. Sein größter Traum schien gerade in Erfüllung zu gehen.

Luisa und Theo strahlten um die Wette und schauten sich verschwörerisch an. Luisa streichelte heimlich den Ball in ihrer Tasche. Er hatte offensichtlich doch funktioniert. Klara Siebenlist überlegte eine Weile. „Wo werden sie schlafen, Herr Körner?“, fragte sie. „Nennen sie mich bitte Martin“, erwiderte er. „Ich weiß es nicht, aber es ist mir auch egal. Ich bin jetzt so glücklich, dass ich auch mitten auf einer Kreuzung schlafen würde, wenn es keinen anderen Platz gäbe.“ Klara Siebenlist dachte wieder nach. „Drüben in der Werkstatt gibt es einen Holzofen. Holz ist genug da. Da drüben im Gästezimmer habe ich zwei Matratzen. Decken und Kissen habe ich auch genug. Sie können auch einen Wasserkocher und Geschirr haben. Drüben in der Werkstatt gibt es ein WC und eine Dusche und Arbeitskleidung habe ich sowohl noch von meinem Mann als auch von meinem Sohn. Wenn sie wollen, können sie es sich drüben gemütlich machen. Martin starrte sie mit offenem Mund an. Er kraulte unter dem Tisch das weiche Fell des Hundes. Sollte dies alles wirklich passiert sein? Sollte sich sein Leben innerhalb so kurzer Zeit so sehr verändert haben? „Ich kann mein Glück kaum fassen“, sagte er und hätte Klara Siebenlist am liebsten umarmt. „Haben sie tausend Dank! Sie haben soeben mein Leben von Grund auf verändert.“ Martin kullerten wieder Tränen in seinen Bart. Auch Klara Siebenlist schien gerührt zu sein. Luisa und Theo halfen dabei, alles was Martin brauchen würde, hinüber in die Werkstatt zu tragen und machten sich gemeinsam mit Martin daran, den gröbsten Staub wegzukehren. Martin richtete sich neben dem Ofen, der bereits eine behagliche Wärme verströmte, sein Schlaflager. Der brave Hund legte sich ebenfalls auf eine Decke, die Klara Siebenlist für ihn gefunden hatte, neben den Ofen.

Nachdem sie halbwegs Ordnung gemacht hatten, lud Klara Siebenlist alle drei noch auf eine warme Nudelsuppe ein. Auch der Hund bekam eine Schüssel voll. Und da mussten Luisa und Theo sich auch schon beeilen, dass sie pünktlich zum Treffpunkt kamen. Überschwänglich verabschiedeten sie sich von Martin und Klara. Martin drückte sie kurz an sich und flüsterte: „Ich glaube, ihr heißt nicht nur Engel, sondern ihr seid auch welche.“ Luisa und Theo lachten. Wenn er wüsste!

Auch Klara Siebenlist verabschiedete sie herzlich. „Werdet ihr wiederkommen?“, fragte Martin noch. Luisa und Theo nickten und Luisa sagte: „Ich glaube schon.“ Mit diesen Worten machten sie sich so schnell sie konnten auf den Weg zum Treffpunkt.

Martin indessen legte sich das erste Mal seit Langem auf die weichen Matratzen und betete inständig, dass er morgen Früh nicht in einem Hauseingang aufwachte. Er konnte sein Glück noch nicht fassen.

Luisa und Theo wurden in der Engel-Welt schon sehnsüchtig erwartet und erhielten viel Lob für ihre Arbeit am zweiten Tag in der Menschenwelt. „Nun liegt es an Martin, etwas daraus zu machen. Wir werden sehen, wie er seine Pläne umsetzt“, sagte Gabriel. „Dürfen wir ihn noch einmal besuchen?“, fragte Theo. Gabriel nickte. „Ganz bestimmt“, sagte Gabriel. „Aber morgen wartet schon ein anderes, neues Abenteuer auf euch.“

Das war die heutige Folge des Abenteuers der beiden Engel Luisahim und Theorahel. Morgen geht’s weiter.

Ich wünsche allen eine wunderbar ruhige und behagliche gute Nacht.

Manou

Bild von Willfried Wende auf Pixabay

4 Kommentare zu „Die Erdenreise Teil 4

  1. Was für eine wunderschön berührende Geschichte. Meine Herzgegend ist ganz warm geworden und ich freue mich riesig auf die nächste Erdenreise liebe Manou, danke dafür und auch dir eine gute Nacht 😇😴💖 LG Astrid

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